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Lesart | Beitrag vom 10.06.2021

Mathias Énard über "Das Jahresbankett der Totengräber"Auf Forschungsmission langsam vom Dorf gefressen

Moderation: Andrea Gerk

Mathias Enard hat grau-weiße Haare und trägt Vollbart. Er hat ein helles Hemd und eine dunkle Jacke an.  (Pierre Marquès)
Mathias Énard lässt Totengräber opulent dinieren und tiefgründig diskutieren. Die Idee dazu kam ihm in Prag, erzählt er. (Pierre Marquès)

In "Das Jahresbankett der Totengräber" schickt Mathias Énard einen Anthropologen in ein französisches Dorf. Als teilnehmender Beobachter gekommen, wird David vom Thema seiner Dissertation verschlungen. Geschickt blickt Énard weit in die Vergangenheit.

Der vielfach ausgezeichnete, französische Schriftstellers Mathias Énard hat einen neuen Roman veröffentlicht. "Das Jahresbankett der Totengräber" hat viele Teile, die sich auch in der Form unterscheiden. Was heißt es heute, in Zeiten globaler Probleme wie des Klimawandels, in einem Dorf in Westfrankreich zu leben – das habe ihn interessiert, sagt Énard, der auch in einem solchen groß geworden ist.

Der junge Anthropologe David ist ein wichtiger Charakter und der erste Ich-Erzähler. Er zieht von Paris aufs Land, um die Sitten auf dem Dorf zu studieren: "Er dient mir dazu, den Leser in das Dorf einzuführen", sagt Énard über die Figur.

Pastis im Dorfcafé und eine wilde Affäre

"David ist ein Fremder, ein teilnehmender Beobachter. Er schreibt seine Dissertation, aber er wird vom Thema seiner Dissertation verschlungenen. Langsam wird er vom Dorf gefressen", so Énard. David lungert eher ab, als zu forschen, trinkt Pastis im Dorfcafé und gibt sich einer wilden Affäre hin. All das wird von Énard in der Form von Tagebucheinträgen seiner Figur präsentiert.

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Auch für Énard – er ist selbst in Niort aufgewachsen, wo der Roman spielt – ist das eine Rückkehr an einen Kindheitsort, nachdem er viel gereist ist und auch viel über andere Gegenden der Welt geschrieben hat:

"Das Schreiben dieses Romans war für mich vielleicht eine Möglichkeit, nach einer langen Reise nach Hause zu kommen", sagt der Schriftsteller, der 2015 den Prix Goncourt für "Kompass" erhielt, einen Roman über die Faszination der Europäer für die Kulturen der arabischen Welt. "Für einen Roman nach Frankreich zurückzukehren, war für mich eine Möglichkeit, Frankreich auch exotisch zu beschreiben, ein bisschen fremd zu machen für die Leser", begeistert er sich. "Wahrscheinlich hätte ich nicht dieses Buch geschrieben, wenn ich nicht so viele Jahre außerhalb Frankreichs gewohnt hätte."

Belesene Totengräber

Am Ende kommt das Buch wieder auf David zurück, es wird über ihn Jahre später erzählt. Ein anderer Titel für den Roman hätte auch "Die Verwandlung des David Mazon" lauten können, sagt der 49-Jährige. In dem zentralen Teil dazwischen wird das eingebracht, was David von dem Dorf nicht weiß. "Ein anderer Erzähler erzählt von den Wiedergeburten und Reinkarnationen."

Im zentralen, dem Buch seinen Namen gebenden Teil, wird das große Gelage der Totengräber opulent beschrieben: "Ich war sehr froh, dass ich dieses Bankett entdeckt habe", sagt Énard. Er sei in einer Prager Synagoge vor einigen Jahren auf diese Veranstaltung gestoßen und habe drei Gemälde entdeckt, die das jährliche Bankett der Bruderschaft der Totengräber ziegten: "Um sich für ihren traurigen Beruf zu trösten, geben die Totengräber jedes Jahr ein großes Gastmahl", so in etwa habe die Bildbeschreibung gelautet. "Ich dachte sofort: Was für eine wundervolle Idee."

Das große Gastmahl in seinem Buch sei dabei auch eine Geschichte der französischen Literatur: "Diese Totengräber sind sehr belesen, sie wissen viel. Sie essen viel und trinken viel, aber sie reden auch viel über Literatur und Philosophie. Was bedeutet Tod, was bedeutet Leben? Es war für mich eine Möglichkeit, Humor mit Literatur und Tod zusammenzubringen."

Wiedergeburt als literarischer Kniff

Im Buch erlaubt ihm die Idee der Reinkarnation, die Geschichte der Figuren über Jahrhunderte zu erzählen. "Das war für mich das Zentrum dieses Romans: Wenn ich über Wiedergeburt und Reinkarnation sprach, dann war der Tod nicht mehr etwas Trauriges, nicht mehr ein Ende, sondern auch etwas zum Feiern, eine Verwandlung."

Er sei kein richtiger Buddhist, erklärt Énard, aber die Weltanschauung - die Idee der Wiedergeburt zwischen Menschen und Tiere oder auch Pflanzen - sei für ihn sehr wichtig. "Vielleicht ist das ein Weg, unsere Beziehung zur Natur zu ändern. Wir beherrschen Natur nicht mehr, durch Wiedergeburt und Reinkarnation sind wir Menschen ein Teil der Natur, egal, ob wir Menschen, Tiere oder Pflanzen sind. Dann ist das alles verbunden und wir haben kein einzelnes Schicksal, sondern nur ein gemeinsames Schicksal – überall."

Das sei philosophisch und literarisch sehr wichtig, sagt Énard: "Für die Literatur ist es sehr interessant, denn man kann Legenden oder mythologische Geschichten erzählen, die für uns jetzt Realität sind. Was ist vor 300 Jahren passiert? Ich kann all diese Inkarnationen oder Wiedergeburten beschreiben. Man kommt zum Beispiel von einem Pfarrer bis zu einem Wildschwein und einer Kuh oder auch Napoleon Bonaparte selbst. Die sind alle auch in dem Roman verbunden."

(mfu)

Mathias Énard: "Das Jahresbankett der Totengräber"
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hanser Berlin, 2021 
480 Seiten, 26 Euro

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