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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.06.2018

MassentourismusGenervte Bewohner, unzufriedene Gäste

Von Alexander Moritz

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(picture alliance / dpa / Florian Schuh)
In Berlin wünscht man sich mehr Kultur- statt Partytouristen. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)

Reisen ist so günstig wie nie. In beliebten Städten in Europa klagt man darum über zu viele Besucher. "Overtourism" nennt es die Tourismuswirtschaft. Bürgerinitiativen diskutieren: Welchen Tourismus wollen wir haben?

Eine Dönerbude in Berlin-Kreuzberg. Die Schlange vor der pastellgelben Bude reicht fast bis an die nächste Straßenecke. Fastfood als Touristenattraktion.

Tourist: "I only came to Berlin because of Mustafas Gemüsekebab. / When you think of Berlin Mustafas Gemüsekebab is definitely one of the first things you think about."

Der Laden lebt von gutem Onlinemarketing, auf diversen Touristenwebsites steht er ganz oben. Und so sind es fast ausschließlich Touristen, die hier anstehen. Im Lärm der Hauptstraße warten sie geduldig auf ihren Happen "echtes Berlin".

Dabei gibt es Döner an jeder Straßenecke schneller und billiger. Ein absurder Auswuchs des zunehmenden Massentourismus, sicher - doch den Berlinern gehen die vielen Besucher mehr und mehr auf die Nerven:

"Die stehen im Weg und sind laut. Also hier geht's, aber in Mitte sind zu viele."

"Es ist so das Gefühl, dass die Dichte immer mehr zunimmt. Das sind nicht nur Touristen, aber man spürt es stärker. Es ist ein Punkt erreicht, wo's droht umzukippen."

"Die sitzen dann die ganze Nacht und erzählen laut und grölen und machen viel Musik auch, und das schallt halt unheimlich und gegenüber nutzen sie den Park zum Pinkeln."

An Hauswänden mehren sich die Graffitis gegen Tourismus: "Tourists go home" steht dort. Berlin ist bei Weitem nicht die einzige Stadt, in der es den Einwohnern langsam zu viel wird. Und auch die Touristen selbst sehen das Problem: Bei einer Umfrage unter Reisenden in 24 Ländern gab ein Viertel der Befragten an, ihr Besuchsziel sei zu stark überlaufen.

Diese Entwicklung hat auch die Tourismuswirtschaft aufgerüttelt. Overtourism lautet das Schlagwort – Übertourismus also.

"Overtourism ist ein aktueller Begriff, aber es ist auch ein sehr schwieriger Begriff.", sagt Harald Pechlaner, Professor für Tourismus an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. "Overtourism beschreibt ein Gefühl des zu viel an Tourismus. Das kann saisonal sein, das kann sich auf wenige Stunden am Tag in einem bestimmten Gebiet beziehen."

Zahl der Touristen steigt weltweit

Tatsächlich steigt die Zahl der Touristen immer weiter – nicht nur in Deutschland. Billigairlines und Pauschaltourismus machen Reisen günstig wie nie. Gleichzeitig wächst weltweit die Mittelschicht, immer mehr Menschen können sich einen Flug leisten. Und so machen sich neben den reiselustigen Deutschen auch immer mehr Menschen aus China und Indien auf, die Welt zu besuchen.

Nur: Wie viel Tourismus ist zu viel? Da gehen die Meinungen von Anwohnern und Tourismusbranche oft weit auseinander.

"Was aber noch viel unterschiedlicher als das Verständnis des Begriffs ist, sind die Umgänge damit", sagt Antje Monshausen von Tourism Watch, einer tourismuskritischen Arbeitsstelle des evangelischen Entwicklungsdienstes "Brot für die Welt". "Dass gerade Touristiker sehr stark in Managementstrategien denken. Wie kann ich den Raum, den Reisende besuchen, vergrößern. Also wie kann ich neue Stadtviertel für Touristen erschließen, sodass die nicht alle geknubbelt an einem Ort sind? Wohingegen Zivilgesellschaft, Bürgerinitiativen in den Regionen sich stärker damit beschäftigen, wie sie eben mitsprechen können, wie der Tourismus in ihrem Lebensumfeld aussieht. Das heißt, da stoßen Welten aufeinander."

Welchen Tourismus wollen wir?

Massentourismus hat schon immer zu Konflikten geführt – an übervollen Ostseestränden zur Ferienzeit ebenso wie beim Ausbau des Skitourismus in den Naturschutzgebieten der Alpen. Dass nun auch zunehmend Stadtbewohner über Tourismus klagen, gibt der Diskussion aber neuen Schwung.

Harald Pechlaner: "Wir waren in der Vergangenheit wesentlich darauf ausgerichtet, Attraktionen zu schaffen und dann danach zu trachten, dass möglichst viele diese Sehenswürdigkeiten besuchen. Von dieser Logik müssen wir ein Stück weit auch wegkommen und gemeinsam mit der betroffenen Bevölkerung der Frage nachgehen, welchen Tourismus man in einer Stadt, in einer Region, in einem Land eigentlich haben möchte."

Und dabei auch die positiven Seiten des Tourismus erklären: Immerhin sorgt Tourismus für 10 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Viele Kulturangebote, die auch den Bewohnern zugutekommen, finanzieren sich durch Gäste von außerhalb. Und doch könne es nicht einfach weitergehen wie bisher, warnen Tourismusexperten.

Harald Pechlaner: "Die Zukunft des Tourismus steht ein Stück weit auf dem Spiel, wenn wir leichtfertig mit dieser Diskussion umgehen. Sie betrifft auch nicht nur die Barcelonas und Venedigs dieser Welt, sondern sie betrifft längst auch schon ländliche Gebiete, wo deutlich wird, dass es nicht so sehr um die Anzahl von Gästen geht, sondern es geht um die Frage: Welchen Tourismus möchte man dort haben? Welche Verbindung zwischen Gast und Gastgeber soll es zukünftig geben?"

Antje Monshausen: "Es gibt einen großen Druck, eine Lösung zu finden, aber Fokus auf technische Anpassungen, das ist Besuchermanagement, Besucherlenkung. Das ist noch nicht Degrowth, das ist noch keine Reduktion der Touristenzahlen. Wo vielen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft leider noch die Fantasie fehlt, wie man das umsetzen kann. Aber da muss der Zug hingehen: positive Wirkung durch Tourismus, ohne unendliches Wachstum von Tourismus."

Kulturbesucher statt Partytouristen

Ansätze für so eine Strategie finden sich im neuen Tourismuskonzept von Berlin. Darin ist viel von Nachhaltigkeit und Teilhabe zu lesen, einem besseren Austausch zwischen Bewohnern und Tourismuswirtschaft.

Trotzdem sollen mehr Touristen nach Berlin kommen: Qualitätstouristen allerdings, Kongress- oder Kulturbesucher statt betrunkener Partytouristen. Ausschließen will Berlin aber niemanden, betont der Geschäftsführer des Berliner Tourismusmarketing Burkhard Kieker:

"Jeder Gast ist uns recht. Auch die italienische Schulklasse, denn das ist der sogenannte Qualitätstourist von morgen. Auch wenn die mal ein bisschen über die Stränge schlagen. Mein Gott, das gehört dazu. Wem das alles zu viel ist, der muss dann auch in die Provinz ziehen."

Overtourism – dieses Problem sieht Kieker für Berlin nicht. Ohnehin sei es falsch, alle Probleme einer Stadt allein den Touristen anzulasten:

"Die Partytouristen, Leute, die wirklich das Berliner Nachtleben ohne Sperrstunde genießen wollen, das liegt unter 15 Prozent. In vielen sogenannten Feiermeilen, viele der Menschen, die sich dort aufhalten, sind Berliner aus anderen Bezirken, also innerstädtische Touristen. Insofern ist dieses Touristenbashing immer schnell zur Hand, aber nicht zutreffend."

Kunstprojekt: Dienst als authentischer Einwohner

Eine künstlerische Antwort auf das Problem "Übertourismus" kommt aus Tschechien. Die Konzeptkünstlerin Kateřina Šeda stellt derzeit auf der Architektur-Biennale in Venedig ihr Projekt "UNES-CO" vor – eine fiktive "Weltorganisation für echtes Leben". Šeda vergibt Stipendien, um "echten Menschen" ein Leben an Touristenhotspots zu ermöglichen. Den Anfang macht die südböhmische Weltkulturerbestadt Český Krumlov. Zwei Dutzend Menschen sollen hier ihren Dienst als "authentische Einwohner" antreten. Arbeitsauftrag: normal leben, mal vor der Haustür herumsitzen, Wäsche aufhängen oder den Müll rausbringen - und so einen Anschein von Alltagsleben wahren in der von Touristen überrannten Kleinstadt. Allerdings nur für zwei Monate – dann endet das Kunstprojekt.

Vision: Statt Attraktionen abhaken, Menschen kennenlernen

Damit Anwohner und Touristen langfristig miteinander auskommen, muss sich vor allem unsere Art zu reisen ändern, glaubt Antje Monshausen von Tourism Watch:

"Dieser reine Besichtigungstourismus wird über virtual reality abgebildet werden. Und der Tourismus, der sich wirklich für die Menschen interessiert, wo sich Reisende Zeit lassen, um wirklich mit ihren Gastgebern gut in Kontakt zu kommen, der wird wachsen. Das ist positive Vision."

Eine nüchterne Vision zum Schluss kommt von der Welttourismusorganisation. Die rechnet mit ungehemmten Wachstum: Zwischen 2010 und 2030 wird sich die Zahl der Touristen weltweit verdoppeln.

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Die Schattenseite des Reisens - Wenn Tourismus für Einheimische zur Last wird
(Deutschlandfunk, Lebenszeit, 09.03.2018)

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