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Lesart | Beitrag vom 07.12.2018

Maruan Paschen: "Weihnachten"Ein Fest in Handschellen

Moderation: Joachim Scholl

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Auf einem schneebedeckten Weg liegt ein umgefallener Weihnachtsbaum mit leuchtender Lichterkette. (unsplash.com/Simon Matzinger)
Bei Familie Paschen läuft Weihnachten so einiges schief... (unsplash.com/Simon Matzinger)

Die Paschens gestalten die Feiertage eher unkonventionell: So bekommt etwa Onkel Bertie jedes Jahr Kondensmilch geschenkt. Doch diesmal wird sogar ein Mord gestanden und die Familie kettet sich vor dem Fondue-Topf an.

Joachim Scholl: In diesen Tagen und Wochen sind wir natürlich auch milde weihnachtlich gestimmt, haben nach entsprechender Lektüre gefahndet. Und an einem Roman, der dann auch noch einfach so heißt, "Weihnachten", da kamen wir natürlich nicht vorbei. Geschrieben hat ihn Maruan Paschen, Jahrgang 1984. Vor vier Jahren hat er sein literarisches Debüt gegeben. Jetzt also der zweite Roman, pünktlich zum Fest. Willkommen im Deutschlandfunk Kultur, Herr Paschen!

Maruan Paschen: Hallo! Vielen Dank!

Scholl: Ich will mal ganz konventionell anfangen. Ihr Roman erzählt von einem Weihnachtsfest der Familie Paschen, Sie mit Ihrer Mutter und einem ganzen Tross von Onkeln. Alles versammelt sich in einem Haus am See, schöne Familientradition. Geht das im tatsächlichen Familienleben so zu bei den Paschens?

Paschen: Na ja, ich schreibe über das, was ich kenne. Und ich muss mir meine Motive dann schon aus meiner Erinnerung holen. Da hören dann aber die Parallelen auch schnell auf, ich habe da eine Modellfamilie geschaffen, die sehr nah an meiner eigenen ist, glaube ich, aber die Personen sind keine echten Personen, die Orte sind keine echte Orte und so weiter. Das Ganze ist sehr fiktiv, nur vielleicht, ich habe tatsächlich fünf Onkel.

Wie soll man denn so essen?

Scholl: Im Buch, wo wir jetzt mal die Fiktion betreten, klicken dann nämlich relativ schnell Handschellen, also die Familie kettet sich gegenseitig an, der Schlüssel wird in den Topf mit der Fonduebrühe geworfen. Wie soll man denn so essen?

Paschen: Ich habe es mir auch vorgestellt, ich habe mir selber Handschellen angelegt und das mal so versucht. Es ist gar nicht einfach. Ich glaube, mich stört häufig beim Lesen, wenn Metaphern oder Bilder auftauchen, die dann nicht echt sind, und ich finde dann viel spannender – weil es ist ja schon Literatur, es ist ja schon ein Text und irgendwie erfunden – ich finde das viel spannender, wenn das dann auch wirklich passiert. Ich wüsste gar nicht, warum man Bilder erfinden sollte, die dann wahr sind, wenn man sie schon erfindet.

Porträt des Autors Maruan Paschen. (imago / Gerhard Leber)Maruan Paschen. (imago / Gerhard Leber)

Scholl: Das äußere Setting des Buches ist ja, dass der Erzähler einem Therapeuten namens Doktor Gänsehaupt, die Geschichte dieses Weihnachtsfestes erzählt. Sogar von einem Mord ist anfangs die Rede. Und die Erzählung, die Bezüge, die Motive, die werden dann aber im Laufe von einem Kapitel zum nächsten immer bizarrer. Als Leser ist man ja gewissermaßen in dieser Therapeuten-Zuhörerrolle. Ich habe an irgendeinem Punkt gedacht, der Mann, der hat was genommen, der mir da gerade gegenübersitzt.

Er redet sich um Kopf und Kragen

Paschen: Okay, ja. Ich würde sagen, wenn, dann hat er Gift genommen. Ich glaube, er versucht, sich da um Kopf und Kragen zu reden, so ein bisschen. Und er gesteht anfangs diesen Mord und erzählt dann über 200 Seiten eigentlich nicht, wie er diesen Mord begangen hat, sondern mehr von seiner Familie und alten Geschichten. Und ich glaube, er tut das, um möglichst nicht von diesem Mord zu reden oder nicht von dem, was da eigentlich passiert ist, zu reden. Und als Leser hat man das Glück, ihm dann 200 Seiten lang zuhören zu können.

Scholl: Ein Motiv in dem Buch ist auch sozusagen ein bisschen so eine "arabic line". Sie haben selber arabische Wurzeln, Ihr Vater ist Palästinenser, Herr Paschen, und dieses Deutsch-Arabische wird auch in der Familie immer verwirrender. Ich habe irgendwann nicht mehr durchgeblickt. Haben Sie da sozusagen auch im eigenen Familienfundus gegraben oder gestöbert?

Verwirrende Familienverhältnisse

Paschen: Diese "arabic line", wie Sie sagen, die ist tatsächlich auch für mich selber verwirrend, ich weiß auch immer nicht genau, was das eigentlich bedeutet, und genauso wollte ich das auch in diesem Buch haben, dass niemand so genau sehen kann, ja warum denn nun, was ist er denn nun.

Scholl: Es wird eine Menge erzählt, so von deutschen Verhältnissen aus arabischem Blickwinkel, ein Zitat habe ich mir rausgeschrieben, "die Geschenke vor dem Essen auszupacken ist Deutschland, sie danach auszupacken ist allerdings auch Deutschland". Wie war das denn in Ihrer Kinderzeit, ist da ein weihnachtliches Trauma zurückgeblieben?

"Geschenke auszupacken ist für mich harte Arbeit"

Paschen: Ja, Geschenke auszupacken ist für mich harte Arbeit. Aber ich überlege grade, wir packen, glaube ich, die Geschenke vor dem Essen aus, ja, vor dem Essen. Also in meiner echten Familie jetzt, nicht im Buch. In meiner echten Familie packen wir das, glaube ich, vor dem Essen aus.

Scholl: Das hätte man in meiner Familie mit Kindern überhaupt nicht hingekriegt, dass man erst isst und dann die Geschenke.

Paschen: Das ist wahrscheinlich der Grund dafür.

Als Araber in Deutschland leben

Scholl: Auf jeden Fall wird aber auch viel davon erzählt, wie es ist, ein in Deutschland lebender Araber zu sein, das ist sehr satirisch. Sie sind in Hamburg geboren, Herr Paschen, wenn es stimmt, was ich gelesen habe, hier aufgewachsen, haben in der Schweiz gelebt. Was ist denn an Ihnen überhaupt noch arabisch, außer dass Sie nicht so käsebleich wie ich sind?

Paschen: Ja, nicht viel. Aber was ist schon arabisch? Genau mit dieser Frage, mit dieser Identitätsfrage, glaube ich, damit arbeitet dieser Roman so ein bisschen. An mir selbst, an mir persönlich ist, glaube ich, nicht viel Arabisches. Bei dem Erzähler in dem Buch, glaube ich, ist es ein bisschen anders.

Scholl: Genau, der schraubt sich gerne so ein bisschen in diese arabische Rolle rein. Und hat auch so ein bisschen so, wie soll man sagen, so Scheherazade-Anfälle mit irgendwelchen klasse Geschichten, die er dann erzählt. Hatten Sie eigentlich bei dem Roman, der ja doch auch sehr assoziativ seine Blüten treibt, hatten Sie da einen Plan oder ist das eben auch so peu à peu nach und nach entstanden?

Paschen: Das ist mehr so von Kapitel zu Kapitel entstanden. Einzelne Kapitel sind ganz unterschiedlich entstanden. Es gibt ein Kapitel, das habe ich mir wie so eine Schreibaufgabe gesetzt, und andere Kapitel boten sich so an und mussten einfach geschrieben werden, dass es anders funktioniert hat.

Verabredung zum Warten

Scholl: Ich frage das auch, weil ich, während ich den Roman las, auf YouTube so ein paar Videos mit Ihnen entdeckt habe, da verabreden Sie sich nämlich mit Leuten, also mit Heike Geißler oder Heinz Helle, Schriftstellerkollegen, zum Warten. Irgendwo am Bushaltestellenhäuschen oder so. Und dann reden Sie, und anfangs denkt man, was soll denn das? Und dann kommt dann aber da so etwas in Gang. Wie würden Sie das beschreiben? Ich habe gedacht, vielleicht schreibt der auch so: Mal gucken, was passiert.

Paschen: Das ist eine wunderbare Beobachtung, genauso schreibe ich, mal gucken, was passiert. Schreiben ist für mich auch vor allem etwas, dass mir etwas bringt, ich finde dabei etwas heraus, was ich vorher nicht wusste. Genauso sind diese Gespräche, von denen Sie da sprechen, auch aufgebaut: Mal gucken, was passiert.

Koch als Brotjob

Scholl: Wie sind Sie denn eigentlich Schriftsteller geworden, Sie sind richtig gelernter Koch, habe ich gelesen. Da denkt man gleich, das ist ein Sprung.

Paschen: Ja, das war ein großer Sprung, aber ich habe auch davor schon geschrieben. Das war sozusagen immer schon nur mein Brotjob.

Scholl: Da lauert man dann natürlich auch auf den ganz großen Roman, wo ein richtig professioneller Koch mal was erzählt. Da habe ich eigentlich so ein bisschen drauf gewartet, ob jetzt noch die Weihnachtsgans gemeuchelt wird.

Paschen: Aber es gibt ja viel Essen in dem Buch auch, vielleicht ist das schon der erste Anfang.

Scholl: "Weihnachten" haben Sie im Sommer veröffentlicht, jetzt ist es sozusagen erst mal so der zweite Nachbrenner, wie reagieren denn die Leute eigentlich darauf?

Paschen: Ganz unterschiedlich. Ich glaube, wer einfach ein Weihnachtsbuch sucht, um eine nette Weihnachtsgeschichte zu lesen, der könnte nicht nur Spaß haben an diesem Buch, insofern, weil es nicht so ganz an Weihnachten gebunden ist. Aber tatsächlich melden sich heute mehr Menschen bei mir als zum Erscheinungsdatum.

Scholl: Und wie viele Fragen danach, bevor wir Sie springen lassen, im Buch wird es nicht verraten, warum bekommt Onkel Bertie immer Kondensmilch zu Weihnachten?

Paschen: Das ist eine Geschichte, die ich nicht verraten will, weil ich sie nicht kenne.

Scholl: Das ist ein Familiengeheimnis?

Paschen Das ist ein Familiengeheimnis, ja.

Scholl: Da muss man erst mal drauf kommen, auf Kondensmilch. "Weihnachten", der neue Roman von Maruan Paschen, erschienen im Matthes & Seitz Verlag mit 196 Seiten für 20 Euro. Dankeschön Herr Paschen für Ihren Besuch und frohes Fest, wie wird es eigentlich jetzt richtig gefeiert bei Ihnen?

Paschen: Ganz ohne Handschellen, aber mit Fondue hoffentlich.

Scholl: Schön, dann wünschen wir da viel Spaß!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Maruan Paschen: "Weihnachten"
Verlag Matthes & Seitz Berlin, 2018
196 Seiten, 20 Euro

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