Martina Lisa, Daniela Pusch: "POEŽIJE. Zeitgenössische Lyrik aus Tschechien"
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Durchs Astloch starren
06:23 Minuten

Herausgeber: M. Lisa / D. Pusch
Aus dem Tschechischen: L. Dorn, P. Valouch u.a.
POEŽIJE. Zeitgenössische Lyrik aus Tschechienedition. fotoTAPETA, Berlin 2026194 Seiten
20,00 Euro
Eine Anthologie will die Vielfalt der tschechischen Gegenwartsdichtung zeigen. Darin finden sich etablierte und neue Stimmen, lyrische Sozialkritik und metaphysische Meditationen. Ein anregender Band, der jedoch manchmal überraschend einseitig wirkt.
In einem seiner Gedichte entwirft der tschechische Dichter Pavel Novotný ein kleines Porträt seiner Mutter. Einmal habe die Großmutter die Mutter gefragt, was denn aus jenem Hochzeitsgeschenk geworden sei, das sie der Tochter einst von einer Reise nach Ägypten mitgebracht habe, ein Armband aus „feinem reinem Gold“.
Die Mutter druckst ein wenig herum – und gesteht dann, das Armband liege in der Schatulle direkt neben einem Fieberthermometer, das irgendwann zerbrochen sei. Das auslaufende Quecksilber habe das schöne ägyptische Gold in „grau-mattes Blech“ verwandelt. Und Novotný beendet die lyrische Anekdote mit dem Vers: „Solche wunderbar radikalen Aktionen / vollbrachte meine Mutter, / nicht programmatisch, sondern beiläufig, einfach bloß so“.
Die vorliegende Anthologie mit tschechischer Lyrik ist im Prinzip das Gegenmodell zu den Handlungen der Mutter. Denn sie hat ein klares Programm, das ihrer Auswahl zugrundegelegt wurde: möglichst große Vielfalt. So finden sich hier etablierte Stimmen wie Sylva Fischerová und ihre metaphysischen Meditationen oder Petr Borkovec mit seinen dingstarken Wahrnehmungsszenerien.
Ein Panorama der tschechischen Gegenwartslyrik
Aber auch junge, noch weniger bekannte Dichter:innen. Sufian Massalema zum Beispiel, der immer wieder intensive Verse für ein Leben „an der Peripherie“ findet. Oder Anna Sedlmajerová, die in Gedichten, die an kleine Skulpturen erinnern, mit absurden Bildern Regulierungen unterläuft: „gut zu sich selbst zu sein / bedeutet / durchs astloch zu starren.“
Zugleich haben die beiden Herausgeberinnen Martina Lisa und Daniela Pusch die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt und dazu jeder dichterischen Stimme etwa die gleiche Seitenzahl eingeräumt. Und in den drei großen Kapiteln des Bandes werden in hübscher Symmetrie genau fünf Schreibende vorgestellt. Auf den ersten Blick genau das, was Lisa und Pusch in ihrem kurzen Vorwort für die tschechische Lyrik skizzieren, „eine kleine Kostprobe ihrer Vielfalt – an Stimmen, Poetiken, Zugängen, Herkünften und Identitäten, ein nach Möglichkeit breites Spektrum, eingeschränkt durch die subjektive Brille zweier Herausgeberinnen“.
Was trotz Vielfalt fehlt
Dieser Wunsch nach Vielfalt ist nachvollziehbar, ist Tschechien doch in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Ebenso könnte er es ermöglichen, ganz unterschiedliche Stimmen kennenzulernen.
Beim genaueren Hinsehen aber wird deutlich, dass an vielen Stellen doch die subjektive Brille der Herausgeberinnen allzu prägend war. Der Schwerpunkt der Auswahl liegt tatsächlich auf den 1980er- und 1990er-Jahrgängen. Und es wurden in der Mehrzahl Gedichte ausgewählt, die sich thematisch um existenzielle Ängste vor dem Hintergrund sozialer Ungerechtigkeit, des Klimawandels und der Bedrohung durch Kriege drehen. Das alles gerne von einem sich selbst befragenden Ich in parlandoartigem Freivers formuliert.
Was man beim Lesen indes immer wieder vermisst, sind Dichter:innen wie Petr Váša, Tereza Bínová oder Vojtěch Vacek, die nicht vornehmlich thematisch vorgehen, sondern ihre Reflexion der Gegenwart vor allem der Sprache einschreiben, sie schreddern oder in ungeahnte Bildwelten führen, um so auch lyrisches Neuland zu entdecken. Zudem sorgt die Tendenz zum „breiten Spektrum“ dafür, dass auch plane engagierte Poesie und Slam Poetry Eingang gefunden haben, Texte, die viele Klischees bedienen und gerne mit bloßen Botschaften arbeiten.
Die große Stärke der Anthologie
Trotzdem lohnt es sich, in dieser meist schlüssig übersetzten Anthologie zu lesen. Schon allein, um die Verse von Atrin Matuštík zu erleben. Der Binaritäten aufbricht und im besten Sinne Gesellschaftskritik betreibt. Nicht indem er moralisierende Sätze aufschreibt, sondern mit der Form spielt und zum Beispiel Gedichtkolumnen in Widerspruch zueinander treten lässt.
Oder die Gedichte von Jan Škrob. Sprach- und rhythmusstarke Verse, die das Meer und die „zerbrechlichkeit / der welt“ beschwören. Wenn er seine „visionen von schwarzen / und goldenen waben“ entwirft, ist man ganz Auge und Ohr.
















