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Lesart | Beitrag vom 04.12.2018

Martin Zimmermann: "Die seltsamsten Orte der Antike"Von Toilettensitzen, Totentempeln und Traditionen

Von Günther Wessel

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Buchcover Martin Zimmermann: Die seltsamsten Orte der Antike. Im Hintergrund die Rest einer antiken Stadt. (C.H. Beck / dpa / Friedel Gierth)
Unterhaltsam und lesenswert: "Die seltsamsten Orte der Antike" von Martin Zimmermann (C.H. Beck / dpa / Friedel Gierth)

Der Althistoriker Martin Zimmermann will das Lesepublikum für die Antike begeistern: In seinem Buch stellt er 40 Orte vor und zeigt ein fesselndes Panorama antiker Kultur und Geschichte.

Es sind Orte der Liebe, des Wissens, der Machtdemonstration und des Todes, reale Orte und imaginierte: Wie die Hängenden Gärten der Semiramis, die zu den klassischen Sieben Weltwundern der Antike zählten, aber wahrscheinlich nur in der Vorstellung griechischer Autoren existierten. Zimmermann schreibt über Eridu, die vermutlich älteste Stadt der Sumerer, und nach deren Mythen der Ort, an dem die Geschichte begann; über den Totentempel vom Ramses III., ein perfektes Symbol weltlicher Siege und göttlicher Entrückung; oder über Olympos, ein Nest an der lykischen Küste, das Zeniketes im ersten Jahrhundert vor Christus als Rückzugsort diente.

44 Toilettensitze im Halbkreis

Zeniketes war ein lokaler Herrscher, gleichzeitig Pirat, der es mehrere Jahre schaffte, sich gegen den Machtanspruch Roms zu behaupten. Er starb in Olympos. Hätte man ihn nach Rom gebracht und dort getötet, wäre sein Leichnam wahrscheinlich dort auch auf der Gemonischen Treppe ausgestellt und zur Schändung freigegeben worden. Ein eher grausiger als seltsamer Ort, und die Gelegenheit für Zimmermann darzustellen wie Leichenschändungen in den unterschiedlichen Kulturen der Antike immer wieder vorkamen. Gleichzeitig waren, so der Autor, römische Soldaten entsetzt, als sie in keltischen Siedlungen Bauten vorfanden, in denen die Kelten die abgeschlagenen Köpfe besiegter Feinde ausstellten.

Zimmermann beschreibt in zehn Großkapiteln 40 Orte: Es sind meist spannende, gut lesbare Geschichten, auch wenn an manchen Stellen die Jahreszahlen doch gehäuft auftreten. Die Orte sind dabei die Aufhänger – wesentlich geht es dem Autor darum, Facetten der antiken Historie aufzuzeigen. So entsteht ein kurzweiliges, fesselndes Panorama antiker Kultur und Geschichte. Der Althistoriker Zimmermann garniert diese auch immer wieder mit kleinen Reflexionen über das eigene Fach – beispielsweise bei der Beschreibung einer Latrine auf Zypern, in der 44 Toilettensitze halbkreisförmig angeordnet sind: Die Archäologen im 19. Jahrhundert hätten nicht das Offensichtliche glauben wollten – sie deuteten den Raum als Dampfbad oder Vorratsort, für sie waren die Toilettenlöcher Halter für Amphoren.

Fremd und doch so nah

Auch über unser heutiges Verhältnis zur Antike denkt Zimmermann nach: was uns fremd ist, wie die Gemonische Treppe oder nahe, wie ein Hochstapler namens Alexander, der im zweiten Jahrhundert ein gefälschtes Orakel schuf. Damals schon wollten die Menschen mehr über die Zukunft wissen oder sich heilen lassen, und Alexander verknüpfte verschiedene mythische Traditionen so geschickt miteinander, dass die Menschen ihm glaubten und ihn bezahlten, auch wenn sich seine Vorhersagen oft als falsch erwiesen. Was zeigt, so Zimmermann, dass uns die Antike gar nicht so fremd ist. Sehr lesenswert.

Martin Zimmermann: Die seltsamsten Orte der Antike. Gespensterhäuser, Hängende Gärten und die Enden der Welt
C.H. Beck Verlag, München 2018
336 Seiten, 22 Euro

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