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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.01.2020

Martin Schoeller fotografiert Holocaust-Überlebende"Die größte Botschaft ist Vergebung"

Moderation: Britta Bürger

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Hannah Goslar Pick und Naftali Fürst (Martin Schoeller)
Hannah Goslar Pick und Naftali Fürst, fotografiert von Martin Schoeller. Mit seinen Fotos möchte Schoeller Intimität erzeugen. (Martin Schoeller)

Den Shoah-Überlebenden ein Gesicht geben – das hat sich Fotograf Martin Schoeller zur Aufgabe gemacht. 75 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung ist das Ergebnis in einer großen Ausstellung zu sehen. Die Begegnungen hätten ihn tief beeindruckt, sagt Schoeller.

"Es war eine sehr emotionale und tiefgehende Erfahrung", sagt Fotograf Martin Schoeller über sein Projekt "Survivors - Faces of Life after the Holocaust". 75 Holocaust-Überlebende hat er in Israel getroffen, ihre Geschichten gehört und sie fotografiert. Die jüngsten der Porträtierten seien 80, die ältesten 99 Jahre alt gewesen.

"Was mich gewundert hat, wie viele von den Überlebenden wirklich Deutsch sprechen. Auch Juden, die aus der Ukraine, aus Bulgarien, Rumänien kommen, sprachen nach so langer Zeit immer noch perfektes Deutsch", erzählt Martin Schoeller. Zu der Zeit sei Deutschland von vielen als Kulturzentrum Europas gesehen worden. "Das war noch mal schmerzlich festzustellen, dass das Land, zu dem sie aufgeblickt haben, das Land war, das sie verraten hat", so der Fotograf.

"Ich habe keinen Hass gespürt"

Vieles sei ihm nach den Gesprächen mit den Holocaust-Überlebenden belanglos vorgekommen. "Was ich gelernt habe, dass diese Menschen überlebt haben – und auch heute noch leben – weil sie nicht verbittert sind. Ich habe denen keine Wut angemerkt. Sie sind nicht sauer auf jemanden. Sie sind zwar traurig, wenn sie darüber sprechen, aber ich habe keinen Hass gespürt", erzählt Schoeller.

Darin liege für ihn auch die größte Botschaft: Vergeben zu können. Nicht, um den Tätern einen Gefallen zu tun, betont Schoeller, "sondern, um sich selber zu retten."

Martin Schoeller und Miki Goldmann-Gilead „Survivors“, Behind the Scenes, 2019 (Martin Schoeller Studio)Martin Schoeller und Miki Goldmann-Gilead. Für sein Projekt "Survivors" sprach er mit 75 Überlebenden des Holocausts. (Martin Schoeller Studio)


Martin Schoeller zählt zu den gefragtesten Fotografen weltweit. Seine Porträts zeigen stets ausschließlich die Gesichter der Fotografierten. Es gehe ihm nicht um die Kleidung einer Person oder den Ort, erklärt der Fotograf. Indem er jede Person gleich fotografiere, egal ob sie prominent ist oder nicht, ermögliche er einen Vergleich. Den Betrachtern wiederum bliebe nichts anderes übrig, als in das Gesicht zu starren.

"Ich hoffe, wenn Menschen vor meinen Fotos stehen, dass sie das Gefühl haben, sie haben die Person ein bisschen kennengelernt", so Schoeller. Zahlen und Statistiken über den Holocaust würden einen nicht tiefgehend bewegen. "Wenn man jemanden erlebt oder die Geschichten erzählt bekommt, dann wird die Vergangenheit wirklich lebendig", sagt Schoeller.

Die Fotografien aus seinem Projekt sind nun in einer großen Ausstellung im Kulturzentrum Zeche Zollverein zu sehen. Am kommenden Montag, 27. Januar, ist der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. An dem Tag 1945 wurde das KZ v on Truppen der Roten Armee befreit.

(nho/abr)

Ausstellung: "Survivors - Faces of Life after the Holocaust"
75 Portraits von Überlebenden, fotografiert von Martin Schoeller.
Ein Gemeinschaftsprojekt der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur und der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem in Jerusalem.
22. Januar bis 26. April 2020
Unesco-Welterbe Zollverein, Essen

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