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Lesart | Beitrag vom 11.04.2019

Martin Puchner: "Die Macht der Schrift"Aufregende Reise durch die Weltliteratur

Von Sarah Elsing

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Hieroglyphen / Maya-Kultur Altmexikanisch, Maya-Kultur, 741 n.Chr. - Ausschnitt aus Türsturz 3 vom Tempel IV in Tikal (Guatemala). Holzschnitzerei. Basel, Museum fuer Völkerkunde (picture-alliance / dpa / akg-images / Werner Forman)
Hieroglyphen der altmexikanischen Maya-Kultur aus dem 8. Jahrhundert: Auch die Epen der Maya gehören zur Weltliteratur. (picture-alliance / dpa / akg-images / Werner Forman)

Das Buch "Die Macht der Schrift" zieht den Leser in den Bann der Weltliteratur, von Homers "Ilias" bis zu "Harry Potter". Mitreißend und unterhaltsam erzählt Martin Puchner, wie das geschriebene Wort die Menschheit prägte.

Es beginnt rasant mit einer Lesung im All. Kurz nachdem die Astronauten der Apollo 8 ein letztes Mal von der dunklen Seite des Mondes aufgetaucht waren, stoppten sie alle Manöver und lasen den Erdbewohnern die ersten Worte der Genesis vor. Martin Puchner zeigt mit dieser Anekdote, welche Bedeutung die Schrift bis ins Zeitalter der Raumfahrt hinein hat und wie sich an entscheidenden Momenten der Menschheitsgeschichte die Zeitebenen übereinanderlegen.

Fesselnder kann man in eine 450 Seiten starke Literaturgeschichte kaum einsteigen. Und genauso geht es weiter in "Die Macht der Schrift", dem amerikanischen Bestseller, der gerade auf Deutsch, der Muttersprache des Autors, erschienen ist. In atemberaubenden Schwüngen überfliegt Puchner die Jahrtausende, vom Gilgamensch-Epos, der Bibel, Konfuzius, den Geschichten aus 1001 Nacht über die von Sokrates kommentierte Mini-Ausgabe der "Ilias", die Alexander der Große zu seinen Feldzügen inspirierte, bis zu "Don Quijote", Marx, Derek Walcott und "Harry Potter" und seinen Tausenden von Fortsetzungen im Internet. Aufregend ist besonders das Eintauchen in die weniger bekannten Epen der Maya, des Soundjata aus Westafrika oder das Schicksal der Hofdame Murasaki, die am japanischen Kaiserhof den ersten Roman der Weltliteratur schrieb.

Puchner, der Englisch und Vergleichende Literatur in Harvard lehrt, ist Meister des populären Sachbuchs unprätentiöser amerikanischer Art. Keine stringente Untersuchung, keine Theorie, dafür Personen, Vignetten und ungewöhnliche Querverbindungen. Alles so einprägsam erzählt, dass nach der Lektüre jeder Barmann die Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal spielend in die nächste Konversation einflechten könnte.

Kampf zwischen Schriftrolle und Kodex

Erfrischend amerikanisch ist auch, wie Puchner sich selbst immer wieder ins Spiel bringt – etwa als Jungen, der die Kinderausgabe der "Ilias" verschlingt und nicht Fußball spielen darf, weil die Götter im Gründungmythos der Maya angeblich mit den Köpfen ihrer Feinde kickten. Ganz nach Goethes Vorbild begibt sich Puchner selbst auf Reisen, um die große "Weltliteratur" zu erkunden. Er durchkämmt den Dschungel Südmexikos, die Ruinen von Troja und trifft zeitgenössische Autoren wie Orhan Pamuk in Istanbul. Ein naheliegendes, wenn auch ernüchterndes Vorhaben. Denn nicht einmal das Gespräch mit Pamuk über Scheherazade ist erkenntnisstiftender als der Besuch im Waschsalon "Goethe" auf Sizilien, in dem der Dichter garantiert nicht seine Kniebundhosen hat waschen lassen.

Überzeugender, geradezu augenöffnend, sind die Passagen, in denen Puchner die Texte selbst lebendig werden lässt oder mitreißend den Kampf zwischen Schriftrolle und Kodex, Bibel und Maya-Mythos, Mündlichkeit und Schrift schildert. Martin Luthers Durchbruch dank der aufkommenden Druckerpresse dient dann als Hintergrund für die staatliche Zensur der Sowjet-Ära, als Anna Achmatova ihre Gedichte wie in vorgutenbergischer Zeit auswendig lernte, um sie für die Nachwelt zu bewahren.

Auch wenn Puchners "Macht der Schrift" analytisch hinter den Erkenntnissen von Mythenforschern wie Jan und Aleida Assmann und Benedict Anderson zurückbleibt, ist sein Vorgehen folgerichtig. Schließlich ist ein Ergebnis von Puchners Recherchen, dass die wichtigsten Protagonisten der Literaturgeschichte nicht unbedingt immer professionelle Autoren oder Literaturwissenschaftler waren, sondern Buchhalter, analphabetische Soldaten, Rechtsberater oder Maya-Rebellen. Vielleicht sind es irgendwann auch die Leser einer packenden Literaturgeschichte, die mit einer Lesung im All beginnt.

Martin Puchner: Die Macht der Schrift. Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte
Aus dem Amerikanischen von Yvonne Badal
Blessing Verlag, München 2019
448 Seiten, 26 Euro

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