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Lesart | Beitrag vom 07.06.2021

Martin Lechner: "Der Irrweg"Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Von Oliver Jungen

Martin Lechner: "Der Irrweg" Buchcover (Deutschlandradio / Residenz Verlag)
Um vor seiner alkoholkranken Mutter zu entkommen, arbeitet Lars als Zivi in der psychiatrischen Anstalt. Ob seine Erlebnisse dort wirklich real sind, ist nicht immer einfach zu sagen. (Deutschlandradio / Residenz Verlag)

Voller Witz und sprachlicher Virtuosität erzählt Martin Lechner in "Der Irrweg" von den Nöten, Hoffnungen und der Selbstermächtigung eines jungen Außenseiters. Wo Wirklichkeit in Wahn, Glück in Unglück kippt, lässt sich dabei nicht genau festmachen.

Zugegeben, bei einer Heil- und Pflegeanstalt zwischen zwei Buchdeckeln sind wir gleich auf das Umschlagen von Wahn und Wirklichkeit gefasst, auf das Verschwimmen der Abgrenzung zwischen Insassen und Pflegern. Aber dann treffen wir auf Lars Gehrmann, "Zivi" in der psychiatrischen Anstalt in einem fiktiven Lüneburg.

Sein Dienstalltag zwischen aufdringlichen Kranken, dem täglichen "Essen 1" ("lebendig zitternde Presskopfsülze"), zwei einander bekriegenden Arbeitstherapeuten und Saufabenden im Betreuerwohnheim wird so lebensecht und schmerzhaft komisch geschildert, dass sich der Gedanke einschleichen kann, es vielleicht doch einmal mit realistischer Anstaltsprosa zu tun zu haben.

Sohn einer alleinerziehenden Alkoholikerin

Gestochen scharfe Weltbeschreibung aus provinzieller Buchsbaumhecken-Perspektive ist eine der großen Stärken des Schriftstellers Martin Lechner. Als Ironiker blickt er auf den Alltag und widersteht dabei der Versuchung, allen Irrwitz ins Symbolische aufzulösen.

Das gilt hier auch für die klug verstrebten, sich zur Tragödie verdichtenden Rückblenden, die die Herkunft des gebückt und verloren erscheinenden Einzelgänger-Helden detailreich ausmalen.

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Lars ist als Kind einer alleinerziehenden Alkoholikerin aufgewachsen, die den Sohn als Ventil für ihr Selbstmitleid und ihren Frust missbrauchte, bis er sich zwischen Verantwortung, Wut und Ekel zerrieben fühlte, aber – co-abhängig – den Absprung nicht schaffte. Der Zivildienst ist nur eine kurze Auszeit, eingeschoben, weil in der Schule der Mobbingdruck aufgrund eines kursierenden Videos der volltrunkenen Mutter zu groß geworden war.

Mentale Selbstermächtigung

Natürlich verschwimmen die Konturen dann doch, ohne dass sich der Übergang ins Surreale genau festmachen ließe, weil die Unzuverlässigkeit des Erzählers eben darin besteht, Innen- und Außenperspektive nicht klar zu trennen.

Über beide Ohren verliebt sich Lars in eine junge Patientin, Hedwig, die ihn bedingungslos zu wollen gesteht ("Wir brauchen niemanden mehr, verstehst du, nur uns") und die ihm verdeckt nahelegt, sich mit Axthieben von der Mutterbindung zu befreien.

Es könnte sich anfangs durchaus um eine gegen den Anstaltskodex verstoßende Flause handeln oder eben um ein reines Fantasiegespinst, worauf hindeutet, dass ein Buch namens "Die Macht der Gedanken", das mentale Selbstermächtigung lehrt, den Helden schwer beeindruckt hat.

Grandioses Irrsinnsfinale

Doch selbst in dieser Form schlägt das Glück in Unglück um. Die Liebe versauert zu Eifersucht, und aus Hedwig wird ein Gespenst, von dem sich Lars, der sich derweil immer tiefer in Lügengeschichten von Kleist’schem Format verstrickt, verfolgt wähnt.

Der Ausweg als Irrweg und umgekehrt, das ähnelt auffällig dem Entgrenzungsplot in Lechners noch ein wenig originellerem Debütroman "Kleine Kassa", in dem ein entscheidungsunfähiger, halluzinierender Sonderling namens Röhrs auf der Flucht vor dem eigenen Leben immer tiefer in dessen dunkle, leere Mitte geriet.

Der sich selbst negierende Lars wiederum – Gejagter, aber auch Jäger (voller Gewaltfantasien) – zeigt bald leichte Dr. Caligari-Züge, obwohl er sich erinnert, Kinofilme – anders als "Röhrs, mit dem er zu Realschulzeiten oft ins Kino gegangen war" – immer abgelehnt zu haben, weil sie einem vorgaukelten, "wie leicht es sei, ein neuer Mensch zu werden".

Wie schwer das aber selbst einer Gedankenprogrammierung fällt (auf die ja auch jede Therapie hinausläuft), führt dieser in einem grandiosen Irrsinnsfinale gipfelnde Roman mitreißend kurzweilig vor.

Martin Lechner: "Der Irrweg"
Residenz Verlag, Wien 2021
272 Seiten, 24 Euro

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