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Buchkritik | Beitrag vom 21.10.2020

Martin Gayford: „Britische Kunst“Aufbruchslustige Optimisten in einer grauen Stadt

Von Eva Hepper

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Cover des Buchs "Britische Kunst": ein schlichtes weiß-blau-rotes Buch. (Piet Meyer Verlag / Deutschlandradio)
Der britische Kunsthistoriker Martin Gayford kennt Londons Kunstszene wie kein Zweiter. (Piet Meyer Verlag / Deutschlandradio)

Francis Bacon, Lucian Freud, David Hockney – immer wieder hat Martin Gayford Londons Maler interviewt. In "Britische Kunst" nutzt er diesen Schatz, um die Kunstszene der Stadt zu porträtieren: von der Nachkriegszeit bis in die 70er-Jahre.

1946 landeten zwei junge Künstler aus dem grauen, kriegsversehrten London auf der Suche nach Licht und Farbe am Mittelmeer. Ihr Freund, der Schriftsteller Patrick Leigh Fermor, hatte die Insel Poros empfohlen, und tatsächlich konnten die beiden Maler dort intensiv arbeiten. Aber während der eine, John Craxton, von Griechenland bezaubert war, sehnte sich der andere zurück nach Hause.

Londons Maler nach 1945

Lucian Freud fand London romantischer als den lieblichen Süden. Vor allem sein Viertel, das heruntergekommene Paddington – seine eigene Adresse war als "bug alley" bekannt, als Ungeziefergasse –, bot ihm die richtige Nachbarschaft und Anregung.

Dass London nicht nur für Lucian Freud "the place to be" war, zeigt der renommierte Kunsthistoriker Martin Gayford nun eindrucksvoll in seinem monumentalen Werk über britische Kunst. Darin widmet er sich der vibrierenden Hauptstadt und ihren Malern und Malerinnen und nimmt den spannenden Zeitraum von 1945 bis 1970 in den Blick.

Rückgriff auf einen riesigen Fundus

Gayford, der die englische Kunstszene wie kein Zweiter kennt, kann dafür auf einen einmaligen Fundus zurückgreifen: sein eigenes, über Jahrzehnte gewachsenes Archiv mit unzähligen Interviews. Diese verwebt der Autor auf über 400 Seiten (mit vielen Abbildungen) zu einer großen, alles und jeden verbindenden Erzählung, in deren Mittelpunkt Künstlerbiografien, Stilrichtungen, Kunstschulen, Galerien, Treffpunkte und Clubs sowie wegweisende Ausstellungen stehen.

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Anfangs schildert Gayford das Nachkriegslondon als verwundete Stadt, seine Künstlerinnen und Künstler jedoch als aufbruchslustige Optimisten. Weil "alle davon besessen waren, was man mit der Malerei machen kann", entwickelte sich eine lebendige Szene mit Stars wie Francis Bacon oder Newcomern wie Lucian Freud.  

Eine Schlüsselausstellung in der Tate

Doch blieb die Künstlerszene zunächst ein Dorf, bis 1956 mit der Ausstellung der amerikanischen abstrakten Expressionisten in der Tate Gallery der internationale Weckruf erfolgte. Spannend beschreibt Gayford, wie sich etwa die Malerin Gillian Ayres mit den Arbeiten Jackson Pollocks auseinandersetzte, die wiederum einem Francis Bacon nichts sagten, einem Howard Hodgkin aber sehr viel.

Tatsächlich kamen von nun an die gegenständlich arbeitenden Maler mit rasender Geschwindigkeit aus der Mode – Freud verschwand gar für Jahrzehnte, und dass ein Künstler wie David Hockney mit figurativer Malerei in den 1960er-Jahren in Erscheinung treten konnte, wird hier als große Überraschung beschrieben.

Ein Kunstbuch voller Anekdoten

Es ist faszinierend, wie meisterhaft Gayford diese lang zurückliegende Zeit mit Leben füllen kann und dringliche Themen beleuchtet (abstrakt versus gegenständlich), mit denen seine Protagonisten rangen; weltberühmte übrigens wie nahezu unbekannte oder längst vergessene. Tatsächlich lassen sich hier wichtige Schlüsselmomente hautnah miterleben. Etwa wenn Bridget Riley Mitte der 1960er-Jahre mit ihrer Op-Art Starruhm erlangte, der bis in die Modewelt ausstrahlte.

Ein wunderbares Buch: spannend, lehrreich und nicht zuletzt wegen seiner vielen Zitate und Anekdoten ungeheuer unterhaltsam zu lesen.

Martin Gayford: "Britische Kunst. Freud, Bacon, Riley, Auerbach, Kossoff, Hockney & Co"
Aus dem Englischen übersetzt von Antje Korsmeier
Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2020
440 Seiten, 35 Euro

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