Sterbebegleiter und Unternehmer Markus Müller

"Beim Sterben ist keine Lösung erforderlich"

33:10 Minuten
Ein schlanker, weißer Mann mit dunkelblonden Haaren und Brille posiert fürs Foto in einem Treppenhaus, die Wand und Tür hinter ihm ist leuchtend orange. Der Mann trägt ein weißes Hemd, ein Armband und eine auffällige Armbanduhr.
Früher war Markus Müller Topmanager. Heute begleitet er Sterbende und hat ein Unternehmen gegründet, das Pflegenden hilft. © Adrian Moser
Moderation: Britta Bürger · 29.12.2021
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Er war Europachef des Mobilfunkunternehmens Blackberry, dann kündigte Markus Müller von einem Tag auf den anderen. Seit fünf Jahren arbeitet er nun ehrenamtlich als Sterbebegleiter – und versucht mit einem Start-up pflegende Angehörige zu unterstützen.
Europachef des Mobilfunkunternehmens Blackberry, Wohnsitz in London, heute hier, morgen dort, der „Feuerwehrmann“ der Firma.
So sah das Leben von Markus Müller bis 2014 aus. Von außen betrachtet eine Karriere wie im Bilderbuch. Macht, Einfluss, Geld, alles schien perfekt. Doch Müller erlebte die Jahre als Spitzenmanager ein wenig anders.
„Meine Grundmotivation immer weiter zu gehen war eigentlich die, dass ich immer das Gefühl hatte, in diesem großen Konzern wenig bewegen zu können. Und ich dachte, wenn ich nur weit genug oben bin, dann habe ich mehr Einfluss. Aber selbst als Europachef war mein Einfluss in diesem großen amerikanischen Konzern relativ gering.“

„Dieser Mensch möchte ich nicht sein“

Dennoch hat Müller auch die Macht genossen, die der Job mit sich brachte. Ein Bild würde das gut beschreiben, sagt er: Es sei wie Honig gewesen, der einem auf die Zunge tropft. An der Süße „findet man Gefallen, da kann durchaus ein Suchtpotenzial entstehen“, so Müller. In diesem Zusammenhang erinnert er sich auch an eine Szene mit seinem Chauffeur. „Der hat mich abgeholt und mir die Tür nicht aufgehalten. Das hat mich furchtbar aufgeregt. Eine Sekunde danach ist mir bewusst geworden, was gerade passiert. Und mir ist auch bewusst geworden, dass ich dieser Mensch nicht sein möchte, der davon abhängig ist, dass andere Menschen ihn bedienen.“
Am Ende sei es ein Buch gewesen, was dazu geführt habe, dieses Leben hinter sich zu lassen und bei Blackberry zu kündigen, erzählt der Unternehmer. Auf einem Flughafen blätterte er durch: „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Mehrfach erwähnten die Menschen hier einen Punkt, der ihn besonders berührt habe. „Sie hätten ihr Leben gerne mutiger gelebt, so wie sie das möchten, nicht was andere von ihnen erwarten.“ Eine Initialzündung für Müller. „Das war so ein Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass das Leben, was ich gerade führe, zwar ein Leben mit viel Anerkennung und Zuspruch ist, aber wo Dinge fehlen, die mir wichtig sind.“

Erinnerung an die Endlichkeit

Nach der Kündigung als Europachef bei Blackberry reiste Müller erst eine Weile um die Welt, entschied sich dann für eine Ausbildung zum Sterbebegleiter. Auch hier habe ihn erneut eine Lektüre auf die Idee gebracht, diesmal die Geschichte eines Hospizhelfers. „Ich habe gespürt, dass mich dieses Thema unglaublich berührt, wusste, dem muss ich nachgehen.“
Als Ehrenamtlicher besuchte er fortan Familien, die gerade einen sterbenden Angehörigen pflegen. „Ich habe gerade eine Begleitung, wo ich zum Beispiel die ganzen zwei Stunden mit der Frau des Pflegebedürftigen spreche, weil er nicht mehr kommunizieren kann.“ Die Sterbebegleitung mache er aber nicht nur für die betroffenen Menschen, sondern auch für sich selbst. „Für mich ist das Wichtigste die Erinnerung an die Endlichkeit. Lebe ich mein Leben so, wie ich es würde, wenn ich jetzt erfahren würde, ich sterbe nächste Woche?“   
Als Unternehmer war Müller darauf gepolt, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Nun ist er als Sterbebegleiter mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert, hierzu gibt es keine Alternative, keine Lösung. Für den ehemaligen Manager sei das zunächst die größte Herausforderung gewesen. Es habe eine Zeit gebraucht um zu erkennen, „dass hier keine Lösung erforderlich ist. Es genügt einfach nur da zu sein, die Ängste und Sorgen der Menschen aufzunehmen.“

Hilfe für Angehörige

Bei allem Wandel der letzten Jahre, den Unternehmer Markus Müller konnte und wollte er nicht ganz abschütteln. Gemeinsam mit drei Mitstreitern hat der 48-Jährige 2019 das Unternehmen „Nui Care“ gegründet. Mithilfe einer App sollen so pflegende Angehörige unterstützt werden. Als Sterbebegleiter habe Müller erlebt, dass Familien auch organisatorisch „maximal gestresst“ sind. Also hat man alle wichtigen Informationen für pflegende Angehörige zusammengefasst.    
Die App sei eine Art Ratgeber, ermögliche aber auch den direkten Austausch mit seinem Team. Heute beschäftigt Markus Müller 18 Mitarbeitende. Anders als früher sei ihm bei „Nui Care“ vor allem auch eines wichtig: „Der Fokus liegt auf dem Thema Unternehmenskultur. Wir haben uns fünf Werte gegeben, die wir versuchen zu leben.“
(ful)

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