Markus Bundi: "Die letzte Kolonie"

    Intellektuelle Enge und Zukunftsangst

    07:05 Minuten
    Cover des Buches "Die letzte Kolonie" von Markus Bundi. Auf der Vorderseite eine Art Labyrinth oder ein QR-Code.
    Revolutionserzählung, Selbstfindung und Gesellschaftssatire in einem: "Die letzte Kolonie" von Markus Bundi. © Deutschlandradio / Septime
    Von Samuel Hamen · 21.06.2021
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    Bei Markus Bundi ist die Dystopie philosophisches Traktat und Bildungsroman zugleich: Sein Roman "Die letzte Kolonie" zeigt, wie sich Menschen wappnen, wenn alles auf dem Spiel steht.
    Als Slipstream werden Romane bezeichnet, die sich der einfachen Zuordnung entziehen, Texte, die beispielsweise zwischen Science-Fiction, philosophischem Traktat, Thriller und Abenteuergeschichte changieren und damit den Leser überfordern, ihn dem Eindruck einer Strangeness aussetzen. Was genau lese ich hier? Fehlt dem Buch nicht der rote Faden? Oder fehlen nicht viel eher mir die Begriffe, um zu verstehen, was hier gerade passiert?
    "Die letzte Kolonie" des Schweizer Schriftstellers Markus Bundi ist Slipstream vom Feinsten. Dabei entspricht das Szenario erst einmal einer klassischen Dystopie. Untertage leben die Untersch, Menschen, die aufgrund der prekären politischen Lage an der Oberfläche und der knappen Ressourcen in ein Höhlensystem verfrachtet wurden. Sie arbeiten seit Generationen den Höherstehenden zu und werden in einem Zustand der Angst und des Unwissens gehalten. Humanismus, Gerechtigkeit, Revolution? Fehlanzeige. Sprachlich und philosophisch sind die Untersch im Kindesalter hängen geblieben. Das Trinkwasser ist mit einer Substanz versetzt, die sie high macht und empfängnisverhütend wirkt: "Man hatte ihn und alle in der Kolonie, oder fast alle, für dumm gehalten, mit Wasch zugedröhnt, gefügig gemacht und von Buchstaben ferngehalten. Sein Rückstand, das wusste Florio, würde kaum aufzuholen sein."

    Kein Interesse an Gefühligkeit

    Florio ist eines der "Angstwesen auf Abwegen", die sich allmählich aus ihrer Junkie-Ignoranz winden. Es ist ein Bildungsweg der anderen Art: lesen lernen, sich der Lage bewusst werden, erkennen, wie körperlicher Zwang, geistige Indoktrination und die Möglichkeit einer Gesundung zusammenhängen. "Wir haben lange genug geschlafen", gibt ihm Gregor mit auf den Weg, eine Art Mentor, der eine zwielichtige Rolle spielen wird.
    Im "Spect", einem Etablissement zwischen Club, Gemeindezentrum und Spielhalle, schart sich eine Gruppe zusammen, halb Widerständler, halb Philosophen, zu der auch Florios Tochter Sophia gehört. Aber es wäre vergeudete Mühe, das Beziehungsgeflecht der Figuren nachzuzeichnen. An Gefühligkeiten in Zeiten der Hoffnungslosigkeit ist Bundi gar nicht interessiert – "den sentimentalen Teil lasse ich hier jetzt mal aus", lässt er Sophia notieren. Insgesamt verlässt er rasch die Einzelszene, den konkreten Dialog. Es geht dann nicht mehr darum, wie jetzt der Ausbruch gelingt oder wer im Spect als Doppelagent gilt, sondern um grundsätzliche Fragen des Mensch-Seins, darum, wie etwa Isolation, intellektuelle Enge und Zukunftsangst zusammengehen.

    Revolutionserzählung und Gesellschaftssatire

    Schließlich hält auch bei Bundi das Reale Einzug, das sich – so scheint es – schlichtweg aus keinem Szenario mehr heraushalten lässt: Aufgrund des Klimawandels und der zunehmenden Unwirtlichkeit eines Lebens auf der Erdoberfläche wechselt die Richtung der Flucht. Die Stollen werden zum Ziel, nicht zum Ausgangspunkt einer Migration. Das mag manch einer als modischen Bezug lesen, ist aber vielmehr die Konsequenz einer Offenheit, die Bundi sprachlich ohne große Geste des Apokalyptikers bespielt. Der Roman ist bei ihm im besten Sinne eine adaptive Form, ein Sammelbecken für unterschiedlichste Arten, um sich etwas vorzustellen und zu durchdringen: Revolutionserzählung, Selbstfindung und Gesellschaftssatire.
    Den dritten und letzten Teil bestreiten drei Historikerinnen, deren Archiv gerade vom autoritären Staat geschlossen wurde. Als letztes Projekt ihrer freiheitlichen Forschung veröffentlichen sie den Bericht, den Slipstream, der auch sie in seinen Bann geschlagen hat: "Was wir tun, in einem Wort, auch wenn es längst nicht mehr in Gebrauch ist: Wir setzen ein Denkmal; wir veröffentlichen das Orakel der Walküre, das Manifest der Parzen, die Aufzeichnungen Sophias." Antworten? Hoffnungen? Fehlanzeige. Stattdessen Fragmente einer Sprache von Menschen, die versuchen, in einer Welt zu bestehen, die jeden Augenblick in Schwärze, rauschhafte Hitze und archaisches Unwissen kippen könnte.

    Markus Bundi: "Die letzte Kolonie", Roman
    Septime Verlag, Wien 2021
    168 Seiten, 18 Euro

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