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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.12.2010

Marksteine historischen Wissens

John Darwin: "Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400-2000", Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010

Rezensiert von Thomas Speckmann

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Für Darwin der Grund für den chinesischen Erfolg: Das Land verfügte früh über alle Bausteine der Marktwirtschaft. (AP)
Für Darwin der Grund für den chinesischen Erfolg: Das Land verfügte früh über alle Bausteine der Marktwirtschaft. (AP)

John Darwins Buch gilt als Standardwerk - und das aus gutem Grund: Er analysiert den Aufstieg und Fall großer Reiche nicht aus einer eurozentristischen oder auf Amerika fokussierten Perspektive. Der Westen ist für nur ein historischer Akteur von vielen.

Wird China das neue Imperium, das die Welt beherrscht? Die Angst vor Peking wächst. Der wirtschaftliche Aufschwung und die militärische Aufrüstung der Volksrepublik wecken im Westen Furcht vor chinesischer Dominanz. Ein historisches Déjà-vu tut sich auf: Am Ende des chinesischen Aufstiegs könnte Peking die Weltwirtschaft ähnlich dominieren, wie es bereits einmal bis Anfang des 19. Jahrhunderts geschah, bevor die westliche Industrialisierung erst Europa und dann Amerika an die Spitze brachte. Schon wird spekuliert, das aufstrebende Reich der Mitte sei dabei, 200 Jahre Weltgeschichte zu revidieren.

Welche Ausdehnung und Machtfülle die chinesischen Imperien einst besaßen, beschreibt überaus anschaulich der in Oxford lehrende Historiker John Darwin in seiner Globalgeschichte großer Reiche vom 14. bis zum 20. Jahrhundert. Sein Buch mit dem deutschen Titel "Der imperiale Traum" gilt seit dem Erscheinen der englischen Ausgabe im Jahr 2007 als Standardwerk der Globalgeschichte. Und das aus einem guten Grund:

John Darwin analysiert den Aufstieg und Fall großer Reiche nicht aus der immer noch weit verbreiteten eurozentristischen oder auf Amerika fokussierten Perspektive. Der Westen ist für ihn vielmehr ein historischer Akteur unter vielen – ganz so, wie es auch in der multilateralen Welt der Zukunft sein könnte. Entsprechend beginnt seine Imperialgeschichte mit einer Zäsur außerhalb des westlichen Europas: dem Tod des Mongolenherrschers Timur im Jahr 1405. Für John Darwin ein Wendepunkt der Weltgeschichte:

"Er war der letzte jener 'Welteroberer‘ in der Tradition Attilas und Dschingis Khans, die ganz Eurasien in einem riesigen Reich unter ihrer Herrschaft vereinen wollten. Fünfzig Jahre nach seinem Tod erkundeten die Seefahrernationen des aus eurasischer Sicht fernen Westens, allen voran Portugal, die Seewege, die zu den Nervensträngen und Schlagadern großer seegestützter Reiche wurden."

Diese Geschichte ist bereits vielfach untersucht und geschildert worden. Der Aufstieg des Westens zu globaler Vorherrschaft durch den Aufbau von Imperien und wirtschaftlicher Dominanz wird nicht allein von John Darwin zu den Marksteinen historischen Wissens gezählt. Darüber herrscht weitgehend Konsens unter Historikern. Im Gegensatz zu vielen Darstellungen aber ist für Darwin dieser Aufstieg alles andere als unvermeidlich. Seine Analyse zeigt vielmehr: Die Zeitspanne seit dem Tod des Mongolenherrschers Timur bis in die heutige Zeit war von heftigeren Kämpfen, komplexeren Konflikten und mehr verpassten Chancen geprägt, als rückblickend oft wahrgenommen wird.

So waren um 1400 nicht nur die islamischen Gesellschaften die dynamischsten und expansivsten Elemente in Eurasien. Es war nach dem Urteil von John Darwin vor allem China, das mit seinem Reichtum und seiner Macht alle anderen Gemeinwesen übertraf:

"Ungeachtet periodischer Störungen durch dynastische Unruhen und externe Invasionen wies China einen politischen und kulturellen Zusammenhalt auf, mit dem sich kein Staatswesen in Europa oder in der islamischen Welt messen konnte."

Und das, obwohl dieser Zusammenhalt nicht zuletzt durch die Eroberungszüge der Mongolen und den millionenfachen Tod durch Pestepidemien massiv auf die Probe gestellt wurde. Ein zentraler Grund, den John Darwin für das chinesische Erfolgsmodell benennt, hat in den vergangenen Jahren erneut an großer Aktualität im Reich der Mitte gewonnen:

"China verfügte früher und weit umfassender als jede andere Region Eurasiens über sämtliche Grundbausteine einer Marktwirtschaft. Es profitierte vom interregionalen Austausch und nutzte den Impuls, den dieser wiederum der technischen Entwicklung gab. Schon vor 1300 war eine ganze Palette von Innovationen sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Manufaktur in weiten Teilen des Landes übernommen worden, und eine regelrechte Kultur des Erfindens begünstigte die Ausbreitung neuer Techniken."

Doch warum verschwand die bis dahin größte und reichste Volkswirtschaft der Welt dann für Jahrhunderte von der globalpolitischen Bühne und überließ sie den Mächten Europas und Amerikas? Auch hier führt John Darwin einen Grund an, der wie ein Vorläufer zu heutigen Entwicklungen wirkt – freilich mit nun vertauschten Rollen zwischen der Volksrepublik und dem Westen:

"China wurde Opfer des eigenen Erfolgs. Gerade die Effizienz der vorindustriellen Wirtschaft sprach gegen jede radikale Veränderung in der Produktionstechnik: noch im 19. Jahrhundert machte das riesige Netz an Wasserwegen Eisenbahnen scheinbar überflüssig. Das vorindustrielle China hatte ein Gleichgewicht auf hohem Niveau erreicht, ein Plateau des ökonomischen Erfolgs. Chinas Pech war jedoch, dass es keinen Anreiz gab, noch höher zu steigen: Das Gleichgewicht auf hohem Niveau war zu einer Falle geworden."

Indem John Darwin die in anderen Teilen Eurasiens angestoßenen Projekte zur Bildung von Reichen, Staaten und Kulturen mit in seine Studie einbezieht, stellt er die Entwicklung Europas und des Westens an sich in einen größeren Kontext. Denn erst auf diese Weise können der Verlauf, das Wesen, das Ausmaß und die Grenzen der europäischen Expansion angemessen erfasst werden.

Cover "Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400-2000" von John Darwin (Campus Verlag)Cover "Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400-2000" von John Darwin (Campus Verlag)Bereits 1939 schrieb der amerikanische Historiker Frederick Teggart in seinem vergleichenden Werk "Rome and China":

"Die Studie der Vergangenheit kann nur dann Wirkung erzielen, wenn umfassend erkannt wird, dass alle Völker eine Geschichte haben, dass sich diese Prozesse gleichzeitig und in derselben Welt abspielen und dass der Vergleich zwischen ihnen der Anfang von Wissen ist."

Ein solcher Anfang ist John Darwin eindrucksvoll gelungen. Dieser große Wurf zur Globalgeschichte dürfte die historische und politische Diskussion der nächsten Jahre maßgeblich bestimmen.

John Darwin: Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400-2000
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010

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