Mark Twain: "Unterwegs mit den Arglosen"

    Kleine Unverschämtheiten über Europa

    08:50 Minuten
    Mark Twain sitzt in einem dunklen Anzug auf einem Stuhl.
    Mark Twain bereiste mehrfach Europa. In seinen Reiseberichten kommentiert er bissig Land und Leute. © picture-alliance / United Archives / TopFoto / 91050 / United_Archives / TopFoto
    Alexander Pechmann im Gespräch mit Frank Meyer · 26.04.2021
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    Mark Twains Reiseberichte aus Europa wurden einst stark gekürzt, erzählt Alexander Pechmann. Er hat die Orgininaltexte ungeschönt übersetzt und ist dabei auf Parallelen zur Gegenwart und zotige Beobachtungen gestoßen.
    1867 begleitete der US-Schriftsteller Mark Twain eine Gruppe amerikanischer Pilger auf ihrer Reise durch Europa und ins Heilige Land. Seine Reiseberichte erschienen zunächst in amerikanischen Zeitungen, später dann im Buch "Unterwegs mit den Arglosen".
    Dafür wurden die ursprünglichen Texte allerdings gekürzt und "geglättet", erzählt Alexander Pechmann. Er hat Twains Reportagen neu übersetzt und dabei nichts beschönigt.

    Twains Gattin griff zur Schere

    In den Zeitungsartikeln machte Mark Twain noch reichlich von Slang-Ausdrücken Gebrauch. In späteren Buchausgaben sei die Sprache dagegen angepasst worden.
    Auch alles, was mit Frauen zu tun hatte, sei verändert oder gekürzt worden, so Pechmann. Eine kleine Unverschämtheit sei Twains Bericht über die Begegnung mit einer schönen Frau in Genua: Diese habe einen so schrecklichen Schnupfen gehabt, dass Twain ständig ihre Nase putzen wollte.
    Hinter diesen Eingriffen in den Text dürfte wohl Olivia L. Clemens, Mark Twains Ehefrau, gesteckt haben, vermutet Pechmann: "Sie soll alle Passagen, in denen schöne Frauen vorkamen, gekürzt haben."
    Das betrifft wohl auch die Passage, in der Twain darüber schreibt, dass er Frauen in Odessa beim Baden beobachtet hat.

    Satire auf amerikanische Bildungsbürger

    Twains Reisebuch sei in mehrfacher Hinsicht satirisch angelegt. Zum einen nehme er den aufkommenden Tourismus aufs Korn. Er macht sich über die aufkommenden Bildungsreisen wohlhabender Amerikaner lustig, die zu den touristischen Schönheiten Europas fahren. In Twains Augen konnten diese mit Amerikas Schönheit allerdings nicht mithalten. Insofern zeige das Buch auch patriotische Züge.
    Zum anderen kritisiere Twain aber auch, wie alles Religiöse im Heiligen Land kommerzialisiert werde, erzählt Pechmann.

    Manche Passagen irritieren heute

    Manche Passage wirkt dabei für heutige Begriffe sehr rassistisch, etwa wenn Twain schreibt:
    "Ich habe noch nie einen Chinesen so sehr gehasst, wie ich diese heruntergekommenen Türken und Araber hasse. Und wenn Russland sich daran macht, sie ein kleinwenig auszurotten, dann hoffe ich, dass England und Frankreich es nicht für wohlerzogen und klug halten, dem Vorhaben in die Quere zu kommen."
    Solche Bosheiten habe Twain aber gleichmäßig verteilt, erzählt Pechmann. Den unterschwelligen Rassismus dämpfe dies. "Und er nimmt sich davon selbst auch nicht aus. Er erscheint oft selbst auch als Trottel."

    Parallelen zur heutigen Türkei

    Als Mann des geschriebenen Wortes interessierte sich Twain auch für die Umstände, unter denen Journalisten in der Türkei ihrer Arbeit nachgehen. Journalisten würden dort eingesperrt, wenn sie zu politischen Themen kritisch äußern, berichtet Twain. Und wenn sie sich nicht kritisch äußern, machten sie sich auch verdächtig und würden ebenfalls eingesperrt.
    "Das klingt für mich sehr aktuell nach der Lage des Journalismus in der heutigen Türkei", sagt Pechmann.

    Mark Twain: "Unterwegs mit den Arglosen"
    Die Originalreportagen aus Europa und dem Heiligen Land
    Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann
    mareverlag, Hamburg 2021
    528 Seiten, 44 Euro

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