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Lesart | Beitrag vom 21.02.2020

Marion Poschmann: "Nimbus"Dunkle Wolken ermöglichen einen neuen Blick auf die Welt

Von Michael Braun

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Zu sehen ist das Cover des Gedichtbands "Nimbus" von Marion Poschmann.  (Surhkamp Verlag / Deutschlandradio)
Kritik an den menschlichen Interventionen in die Natur: Marion Poschmanns "Nimbus" zeigt die Folgen des Anthropozäns. (Surhkamp Verlag / Deutschlandradio)

Marion Poschmann erzählt in "Nimbus" von den Verheerungen, denen die Natur durch den Menschen ausgesetzt ist. Zugleich lassen ihre poetischen Illuminationen die Magie der Natur sinnlich werden. Ein fabelhafter Gedichtband, meint unser Kritiker.

In ihrem Gedichtband "Grund zu Schafen", der sie innerhalb der literarischen Öffentlichkeit bekanntmachte, hatte Marion Poschmann 2004 einen neuen Typus des Naturgedichts entwickelt und die ästhetische Erfahrung von Landschaft auf neue Fundamente gestellt. In ihrem aktuellen Band "Nimbus" hat sie ihre Dichtkunst weiter verfeinert – mit Gedichten über die globalen Verheerungen der Natur, über flirrende Farbeindrücke, Phantasiereisen nach Sibirien und "Stadtschamanen".

Man darf sich die neuen Gedichte Poschmanns als faszinierende Modelle für eine Poesie im Zeitalter des Anthropozäns vorstellen. Jenes Erdzeitalters, das durch die erhebliche Intervention des Menschen in Landschaft, Klima und Artenvielfalt geprägt ist. Poschmann reagiert darauf mit Gedichten, die vom irreversiblen zerstörerischen Eingriff des Menschen in die Natur erzählen und zugleich der noch nicht verschwundenen Magie der einzelnen Naturphänomene zu sinnlicher Präsenz verhelfen.

Sprituelle Bedeutung

Bereits ihre Gedichtbücher "Grund zu Schafen" von 2004 und "Geistersehen" von 2010 waren starke Pionierleistungen auf dem Weg zu einem neuen, postromantischen Naturgedicht, das die Möglichkeiten ästhetischer Wahrnehmung neu auslotet. Nun hat sie mit ihrem neuen Werk "Nimbus" eine neue Meisterschaft in der poetischen Naturerfahrung erreicht.

In neun zyklisch angelegten Kapiteln, in denen sie unterschiedlichste Formen ausprobiert, findet Poschmann eine ungeheuer bildstarke Sprache für naturgeschichtliche Urszenen, ohne dabei alte Muster romantischer Metaphorik zu bedienen. Im Zentrum steht dabei ein Sonettenkranz über "Die Große Nordische Expedition", der an eine abenteuerliche Reise des Sibirienforschers Johann Georg Gmelin angelehnt ist.

Bereits mit dem Titelwort "Nimbus" beginnt die Dichterin ein schönes Vexierspiel mit den alten Topoi des Naturgedichts. Ihr langes "Nimbus"-Gedicht verweist nämlich nicht nur im wetterkundlichen Sinn auf die dunkle graue Wolke, die lang anhaltende Niederschläge ankündigt, sondern lässt im Assoziationsraum auch die transzendentalen Konnotationen des Wortes aufsteigen. Die spirituelle Bedeutung von "Nimbus" als Aura oder Gloriole wird mit meditativen Aspekten der japanischen Ästhetik verknüpft. So ist "Nimbus" auch eine Reflexion über "gestaltlose" Dunkelheit und über die Erfahrung von Innen- und Außenraum beim Blick auf den Grund einer Teeschale.

Waren in früheren Büchern "der deutsche Nadelbaum" oder "der deutsche Laubbaum" ihre poetischen Forschungsobjekte, so sind es diesmal die "Bäume der Erkenntnis" oder die "Ordnungen der Wildnis", auf die der objektivierende Blick der Dichterin fällt. Aber sie entwickelt auch kunstvolle Ausblicke auf visuelle Faszinationen und Objekte der Bildenden Kunst, in berückenden Meditationen über changierende Farbwerte und die offenen Grenzen zwischen "Meergrün" und einem "zaubrischem Grau".

Filigran konstruiert

"Während der Wald wieder wichtiger wird" heißt schließlich ein Gedicht, in dem das lyrische Subjekt in der Rolle eines allmächtigen Schöpfers den Eingriff in klimatische Verhältnisse imaginiert:

"Ich machte mich mit den Mächten, Gewalten/ gemein, ich streckte meine unendliche Zunge,/ Gletscherzunge, Gorgonenzunge, leckte an / Landeisschilden, fraß Treibeis, Packeis,/ trug lichtblaue Sterne und scharfkantige Kristalle/ im Mund, und ich redete in stetigen Flocken,/ Frostsprache, Zungenrede des Schnees…"

In einem Zyklus kommt die Dichterin auch auf die prekären "Kunststoffwunder" zu sprechen, die zur Verheerung des Planeten entscheidend beigetragen haben:

"Seltsam, daß Dinge wie Haarspray mit mir zusammen/ zur Welt kamen. Meine Kindheit jene der Tetrapaks,/ Plastiktüten und Kühltruhen. Letztens erst trieben/ im Müllstrudel Tausende Überraschungseikapseln/ mit Spielzeug gefüllt an den Stand von Langeoog."

Der dunklen Wolke, dem "Nimbus", entsteigen in Marion Poschmanns fabelhaftem Gedichtbuch schöne poetische Illuminationen wie auch düstere Utopien. Es sind filigran konstruierte, von Natur- und Kunsterfahrung getragene Texte, die uns die Welt vor Augen stellen, als sähen wir sie zum ersten Mal. 

Marion Poschmann: "Nimbus". Gedichte
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
120 Seiten, 22 Euro

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