Marieke Reimann: "Zweite Wende"

Ursachen für die Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschen

Cover: "Zweite Wende" von Marieke Reimann
© Rowohlt

Marieke Reimann

Zweite Wende. Warum Ostdeutschland uns alle angehtRowohlt, Hamburg 2026

240 Seiten

22,00 Euro

Marieke Reimann ist 1987 in Rostock geboren und hat als Journalistin in westdeutschen Medienhäusern gearbeitet. In ihrem Buch „Zweite Wende“ schreibt sie über Abwertungen von Ostdeutschen und was diese mit den heutigen Wahlergebnissen zu tun haben.
Braucht es wirklich noch ein Ost-Erklärbuch? Das natürlich passend erscheint kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern? Marieke Reimann gibt die Antwort im Untertitel ihres Buches selbst: „Warum Ostdeutschland uns alle angeht.“ Ja, alle. Und eben nicht nur diejenigen, die sich seit Jahren um einen differenzierten Blick bemühen. Meist selbst Wurzeln „im Osten“ haben. Drinstecken in den Debatten über Ostidentität, Baseballschlägerjahre und die Repräsentanz von Menschen mit Wurzeln zwischen Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.
Aus letzterem Bundesland stammt die Autorin Marieke Reimann. Die in Rostock aufgewachsene Journalistin gehört zu den Nachwendekindern, die sich seit Jahren konstruktiv in die Debatten einmischen. Und das oft schiefe, einseitige Bild westdeutsch geprägter Medien geraderücken wollen.

Der ignorante Umgang mit ostdeutscher Geschichte

Auf knapp 250 Seiten dekliniert Reimann durch, wie ignorant Politik und Medien oft in den 37 Jahren mit den biografischen Erfahrungen des Ostens umgegangen sind. Wohin Brüche in Biografien geführt haben – zu zerstörtem Selbstwertgefühl, Armut; genauso wie zu Erfolg und einem über sich Hinauswachsen durch die Umbrucherfahrungen.
Wie immer noch deutsche Geschichte als westdeutsche Geschichte gelesen, gelehrt und gesehen wird. Wie eine alternde Gesellschaft mit Männerüberschuss bis heute die Gesellschaft zwischen Stralsund und Suhl prägt. Wie bis heute keine Parteienbindung entstanden ist und zivilgesellschaftliche Initiativen es schwer haben.

Das Totgeschweigen von Rassismus und rechtsextremen Tendenzen

Wie seit DDR-Zeiten Rassismus und rechtsextreme Tendenzen von staatlicher Stasi-Seite totgeschwiegen wurden und so nach 1990 ein fruchtbarer Nährboden vorhanden war, den auch westdeutsche Rechtsextreme genutzt haben. Dabei will Reimann niemanden für sein Handeln entschuldigen.
Sie analysiert besonders die Medienlandschaft – auch weil sie sich selbst immer wieder verwundert die Augen reiben musste als Journalistin bei westdeutschen Zeitungen und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk:

Die Berichterstattung über Ostdeutsche ist oft eine Krisen-, Wahl- oder Jubiläumsberichterstattung. Wird so wie 2024 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg ein neuer Landtag gewählt, fahren Medienschaffende aus ganz Deutschland mal rüber‘ und gucken, was da so los ist‘. Das klingt dann schon mal wie innerdeutsche Kriegsberichterstattung, denn das Vokabular gleicht durchaus dem, das sonst für Auslandseinsätze von Korrespondentinnen und Korrespondenten genutzt wird, die aus Krisenherden in weit entfernten Ländern berichten.

Auszug aus "Zweite Wende"

Das ist keine neue Beobachtung. Aber eben doch immer noch zu wenig auf dem Radar bei vielen Journalistinnen und Journalisten, die sich so gar nicht mit der Ostperspektive auseinandersetzen. Deshalb plädiert Reimann: „Mehr Ossis in die Medien bitte!“
In die überregionalen; als Chefredakteurinnen und Chefredakteure.
Bisher waren sie dort verschwindend gering. Reimann war eine von ihnen. Im Buch schildert sie auch immer wieder Persönliches; Anekdoten der Fremdheit. Wie sie noch in den 2010ern in einer Münchner Redaktion in fragende Gesichter blickt, als sie einen Nachruf für den bekannten DDR-Kinderliedermacher Reinhard Lakomy vorschlägt:

Obwohl damals kaum in der Medienwelt angekommen, merkte ich früh, dass viele, die hier viel schreiben, recherchieren und beeindruckend über alles nachdenken, über den Osten so gut wie nichts wissen. Und irgendwie auch nicht wissen wollen. Mauerfall, Stasi und Neonazis, das ist, was meine westdeutschen Kolleginnen und Kollegen kennen. Das, was sie am allerwenigsten wissen, ist, wie einsam es sich anfühlt, wenn der Typ, zu dessen Schallplatte du in deinem Doppelstockbett eingepennt bist und im Kindergarten getanzt hast, stirbt und du die Einzige im Raum bist, die das berührt.

Auszug aus "Zweite Wende"

Mit statistischen Daten unterlegt, zeigt die Autorin die strukturelle Benachteiligung über die Jahre, die tief sitzt. Und immer noch prägt – von Medien, über soziale Verhältnisse, Löhne und Eigentum. Reimann zeigt, Lebenserfahrungen Ostdeutscher in der Nachwendezeit sind teilweise vergleichbar mit anderen gesellschaftlichen Teilgruppen, die auch gerne vergessen werden: Migranten, Frauen, Queere. Ostdeutschsein sei eben nur eine Dimension einer Person.

Abwertungen durch westdeutsche Bundespolitiker

In den Bonmots westdeutscher Bundespolitiker von Friedrich Merz über Edmund Stoiber bis Kurt Biedenkopf wird deutlich, wie über die Jahrzehnte auf die Menschen in Ostdeutschland geguckt wurde: herablassend. Wenn bei Biedenkopf hohe Arbeitslosigkeit „der unseligen Erwerbsneigung der ostdeutschen Frauen“ geschuldet sei. Oder wenn Edmund Stoiber nach verlorener Bundestagswahl 2002 meinte:

‘Ich akzeptiere nicht, dass erneut der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. Es darf nicht sein, dass die Frustrierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen.‘ Statt im Darauffolgenden zu beschwichtigen und auf die Kritik auch aus den eigenen Reihen zu reagieren, hob er kurze Zeit später abermals auf den Osten ab und sprach davon, dass es ‚leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern‘ gäbe und ‚die Stärkeren manchmal die Schwächeren ein Stück mitziehen‘ mussten. Da waren sie wieder, die dummen, schwachen, frustrierten Ostdeutschen.

Auszug aus "Zweite Wende"

Dass auch 2025 noch Feiern zur Deutschen Einheit ohne Ostdeutsche in vorderster Reihe stattfinden, zeigt die Aktualität der Kritik. Eine Repräsentationslücke, die die AfD genüsslich nutzt. Auch wenn Reimann in ihrem Buch die verlogene Ost-Tümelei der AfD seziert. Sie stellt eben auch fest, dass die AfD die Schmerzpunkte vieler Menschen erkannt hat und sie für sich nutzt. Warum die Menschen dafür aber eine demokratieverachtende Partei wählen, kann Reimann am Ende nicht final erklären.
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