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Buchkritik | Beitrag vom 28.11.2019

Marieke Lucas Rijneveld: "Was man sät" Ein Roman wie von Brueghel gemalt

Von Peter Urban-Halle

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Cover "Was man sät" von Marieke Lucas Rijneveld (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)
Cover "Was man sät" von Marieke Lucas Rijneveld (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)

Das Leben auf dem Land ist bei der niederländischen Autorin Marieke Lucas Rijneveld alles andere als idyllisch. Hier wird den Menschen nichts geschenkt. Unterschwellige und offene Gewalt dominiert das Dasein. Dann stirbt auch noch ein Kind.

Zwei Tage vor Weihnachten geht Matthies, der älteste Sohn der Familie, der mal den Hof übernehmen soll, auf dem zugefrorenen See Schlittschuh fahren. Als die zehnjährige Jas merkt, dass ihr Lieblingskaninchen zum Festbraten auserkoren wurde, betet sie zu Gott, er möge doch lieber ihren Bruder zu sich nehmen. Gott erhört sie, Matthies bricht ein und ertrinkt. Das Kaninchen dagegen wird gerettet, denn Weihnachten fällt aus.

Eine leichte Lektüre ist der Roman "Was man sät" der jungen Marieke Lucas Rijneveld wahrlich nicht. Kompromisslos und unerbittlich schildert sie ein Leben auf dem Lande voll unterschwelliger und offener Gewalt, wo den Menschen nichts geschenkt wird, wo die Menschen sich aber auch selbst nichts schenken.

Die erwachende Sexualität

Die Eltern gehören der orthodox-calvinistischen Kirche an, die sich ihren Einfluss bis in den Alltag hinein sichert (Geert Mak hat darüber in seinem "Jahrhundert meines Vaters" geschrieben) – wie es fundamental-monotheistischen Religionen zu eigen ist, die überzeugt sind, die Wahrheit auf ihrer Seite zu haben. Damit aber könnte Rijnevelds Roman nicht nur die Religionen kritisieren, sondern auch moralistische Bewegungen, die in unserer Zeit virulent geworden sind.

Nicht umsonst wird der erste Hauptteil (von insgesamt dreien) mit einem Motto von Jan Wolkers eingeleitet, dessen kompromisslose Schreibweise eine Art Vorbild gewesen sein dürfte, und der wie die Autorin in einem streng reformierten Heim groß geworden ist.

Jas, die kleinere Schwester Hanna und der größere Bruder Obbe befinden sich in diesem seltsamen und schwierigen Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Jugend. Die Entdeckungen und Erfahrungen – die Geheimnisse der Eltern, die Maul- und Klauenseuche, vor allem die erwachende eigene Sexualität – können sie kaum bewältigen; das Ergebnis ist tiefste Verzweiflung.

Ihr größter Traum ist eine Utopie: endlich aus diesem Dorf und von diesen Eltern weggehen zu können, auf "die andere Seite" des Sees, in die Stadt mit ihren Verlockungen. Dort, wo schon Matthies hinwollte, bevor er ertrank.

Vollgestopft wie das Weihnachtsgeflügel

Rijneveld schreibt die Geschichte dieser Familie, der nichts erspart bleibt, in einem so überbordenden Stil, wie Bruegel seine Winterbilder gemalt hat, wuselnd, unruhig, aber auch sozusagen "unbunt", in einem etwas dumpfen Braun. Ihre Sprache hat etwas Erdiges und Schweres und ist zuweilen so vollgestopft wie das Weihnachtsgeflügel der Nachbarn oder der Darm der kleinen Jas, die sich wochenlang den Stuhlgang verbietet.

Jas wird auch "Jacke" genannt, weil sie seit ihrem zehnten Lebensjahr ihre Jacke nicht mehr auszog. Als sie es auf Druck des Vaters schließlich doch tut, verliert sie eine Art Panzer. Am Ende wird Matthies‘ letzter Satz "Wenn du größer bist, nehm ich dich mit" sich auf schreckliche Weise bewahrheiten.

Marieke Lucas Rijneveld: "Was man sät". Roman
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
317 Seiten, 22 Euro

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