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Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.10.2014

Marica BodrožićGeschichte der kleinen Leute im Krieg

Schriftstellerin recherchierte für "Mein weißer Frieden" in ihrer alten Heimat Kroatien

Moderation: Andrea Gerk

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Im November 2008 wurde die deutsch-kroatische Schriftstellerin Marica Bodrozic mit dem Kulturpreis Deutsche Sprache geehrt. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Die deutsch-kroatische Schriftstellerin Marica Bodrožić (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Die in Deutschland lebende Schriftstellerin Marica Bodrožić begegnet in ihrem Buch "Mein Weißer Frieden" Menschen in Kroatien. In einer Mischung aus Reisebetrachtung und "philosophischer Meditation" arbeitet sie die Geschichte des Balkankrieges auf.

Die Schriftstellerin Marica Bodrožić war ein zehnjähriges Kind, als sie Kroatien verließ und nach Hessen zog. Trotzdem hat Kroatien sie stark geprägt, sie ist immer wieder dorthin zurückgekehrt. Ihr neues Buch "Mein weißer Frieden" erzählt von diesen Reisen.

Eine Form für ihr neues Werk zu finden war für Marica Bodrožić nicht ganz einfach. Im Grunde sei ihr Buch ein "hybrides Wesen", sagt sie – Reisebetrachtung und "philosophische Meditation" zugleich. Sie habe der Sprache Raum geben und "den Augenblick, in dem Wahrheit entstehen kann", finden wollen, berichtet die Schriftstellerin.

Für ihr Buch hat Bodrožić tiefe und lange Gespräche geführt – so beispielsweise mit der Schneiderin, die davon erzählte, wie sie die Belagerung von Sarajewo vier Jahre lang überlebte. Die Schneiderin habe geweint, "und ich auch, da war einfach kein Halten mehr, weil es um alles ging: Um das Leben, um den Menschenkern, um die Wahrheit, um das Sein an sich und auch um die Frage, ob der eigene Tod nicht einem auch gehört."

Jeder Mensch braucht Zeit für Wachstum und Veränderung

Andere Gesprächspartner hätten wiederum den "wahrhaftigen Kern verweigert". Sie habe versucht, auch diesen Menschen zuzuhören, auch wenn diese sie manchmal an den Rand ihrer Kapazitäten und der humanen Haltung gebracht hätten. Einen Serben, der ein Loblied auf Stalin und den Gulag sang, verließ sie ratlos und trauernd.

Doch Bodrožić gibt nicht auf: Jeder Mensch brauche Zeit zu wachsen und sich zu verändern, sagt sie. Bei ihrem eigenen Vater hat sie das erlebt. Der habe früher den faschistischen Führer Ante Pavelic bewundert. Und plötzlich, drei Jahrzehnte später, habe ihr Vater geweint, weil das Grab seines serbischen Freundes und ehemaligen Nachbarn geschändet worden war. "Das ist eine Revolution. Wenn ein Mensch einmal in seinem Leben so etwas erleben kann, dann verändert das alles."

 

Marica Bodrožić: "Mein weißer Frieden"
Luchterhand Literaturverlag 2014, 19,99 Euro

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