Maria Tumarkin: „Gewissheiten“

Wie viel Trauer verträgt ein Mensch?

05:53 Minuten
Buchcover: Drei Kreise in rot, blau und grün verschwimmen auf beigem Hintergrund ineinander.
© Haner Verlag

Maria Tumarkin

übersetzt von Claudia Voit

GewissheitenHanser Berlin, Berlin 2021

256 Seiten

20 Euro

Von Joachim Hildebrandt · 02.12.2021
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In ihrem neuen Essayband führt uns die australische Kulturhistorikerin Maria Tumarkin mit erstaunlicher Leichtigkeit an sehr dunkle Orte. Die Essays handeln von Schmerz und Traumata und dem individuellen Umgang damit.
„Gewissheiten“, das neue und in ihrer Heimat bereits mehrfach preisgekrönte Buch der australischen Kulturhistorikerin und Schriftstellerin Maria Tumarkin, ist eine Sammlung von Essays, die von Schmerz, Trauma und Trauer handeln und davon, wie sehr unterschiedliche Menschen damit jeweils umgehen.

Neun Jahre Recherche

Tumarkin ist dafür in Gefängnisse und Flüchtlingslager gereist, hat traumatisierte Familien besucht und schwarz verhängte Klassenzimmer. Neun Jahre lang war sie als Journalistin und Historikerin unterwegs, stellte Fragen und hörte zu.
Die daraus resultierenden Texte handeln von Suiziden bei jungen Menschen, vom Engagement für straffällig gewordene Jugendliche, aber auch von der Traumabewältigung einer Holocaust-Überlebenden oder vom Kulturverlust von Menschen mit Migrationsgeschichte.
Schreiberisch arbeitet Tumarkin mit Vor- und Rückblenden, sie folgt nicht chronologisch den Ereignissen, ihre Texte sind eine Mischform aus Essay und Erzählung. Die Schicksale der Menschen, die Tumarkin interviewt hat, schildert sie ganz schmucklos und mit großer Kraft. Und doch bleibt da immer eine gewisse Leichtigkeit, auch am schmerzhaftesten Punkt.

Viel Schmerz und Trauer

Eine von Tumarkins Kernfragen ist: Wie viel Schmerz oder Trauer verträgt der Mensch? Gerade Jugendliche können viel Kummer und Schmerz in sich haben, ohne Gelegenheit zu bekommen, das auszusprechen. In einem Text fragt die Autorin nach den Gründen für Suizid bei jungen Menschen. Sie weiß von Gruppenzwang unter Jugendlichen, Nachahmungseffekten und dass der Tod mitunter romantisch verklärt wird.
In ihren Gesprächen lernt sie aber noch eine Reihe von anderen Motiven kennen: eine Forderung nach mehr Respekt im Alltag, der schiere Ausdruck von Wut, ein Gefühl von Entfremdung. Selbst ein privilegiertes Leben zu führen, macht einen nicht immun davor, an der Welt zu verzweifeln.

"Ich bin eine Überlebende"

Eine andere ergreifende Geschichte erzählt von einer Frau, die ihren Enkel entführt und am Stadtrand von Melbourne versteckt. Die Großmutter, 1943 im Warschauer Getto geboren, hat als Kind die Erfahrung gemacht, versteckt zu überleben, und meint, den Enkel auf diese Weise beschützen zu müssen.
„Ich bin eine Überlebende“, sagt sie. Eine Überlebende des Holocaust, des Gettos von Warschau. Und: Mein Enkel muss lernen, ein Überlebender zu sein.

Hoffnung ist wichtig

Immer wieder dringt in Tumarkins Buch durch, wie wichtig es ist, Hoffnung in einer Krise zu behalten. Hoffnung sei, so zitiert sie Sören Kierkegaard, „ein neues Kleid, steif und stramm und glänzend“. Dagegen sei Erinnerung „ein abgelegtes Kleid, welches, so schön es ist, nicht mehr passt.“
Den Titel des Buches „Gewissheiten“ könnte man vielleicht so verstehen: Gewiss ist, dass die jungen Menschen immer wieder in Gefahr kommen, Suizid zu begehen, aber gewiss ist auch, dass die Hoffnung weiter bestehen bleibt, sie vor solchen Situationen zu bewahren.

Wut in den Texten

Tumarkin sieht sich die Extremsituationen an, ohne sie zu bewerten. Nur passive Beobachterin ist sie allerdings auch nicht. Oft spürt man ihre eigene Wut in den Texten.
Und auch uns als Leser ergreifen diese Geschichten, weil wir in ihnen den Menschen, deren Schicksale Tumarkin beschreibt, zum Greifen nah kommen.
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