Maria Stepanova: "Mädchen ohne Kleider. Gedichte. Russisch und deutsch"

Die unendliche Geschichte männlicher Raubzüge

05:39 Minuten
Cover von Maria Stepanova: "Mädchen ohne Kleider. Gedichte. Russisch und deutsch"
© Suhrkamp

Maria Stepanova

Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja

Mädchen ohne Kleider. Gedichte. Russisch und deutsch.Suhrkamp, Berlin 2022

72 Seiten

23,00 Euro

Von Michael Braun · 25.05.2022
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In drei formal virtuosen Gedichtzyklen umkreist die russische Dichterin Maria Stepanova die Geschichte des weiblichen Körpers: seine Instrumentalisierung in der Pornografie, seine Sterblichkeit und seine Verbindung mit der Natur.
Der pornografische Blick, der den nackten weiblichen Körper als Projektionsfläche nutzt und ihn nach Belieben fürs eigene Triebgeschehen instrumentalisiert, ist bekannt als klassische Männerfantasie. Die feministische Philosophie hat jene männliche Schaulust beschrieben, die als Übergriff auf den Leib der Frau offenbar eine historische Konstante ist.
In der Dichtung der Moderne hat es bislang kaum Versuche gegeben, sich explizit mit diesem Eroberer-Blick auf den weiblichen Körper zu beschäftigen, meist wurde er sogar als Teil des poetischen Begehrens legitimiert.

Der Blick des lüsternen Eroberers

Was nun die 1972 geborene russische Dichterin Maria Stepanova, die international mittlerweile bekannteste russische Poetin, in ihrem verstörenden Gedichtzyklus „Mädchen ohne Kleider“ unternommen hat, ist ein einzigartiges poetisches Experiment. Ein zufällig gefundenes Foto einer nackten jungen Frau nimmt Stepanova zum Anlass, die Kolonisierung des weiblichen Körpers als unendliche Geschichte männlicher Raubzüge darzustellen.
In fünfzehn Abschnitten, die alle zehn Verse umfassen, zeigt Stepanova, wie die pornografische Aneigung funktioniert. Sie zitiert dabei die gängigen Metaphoriken und Topoi, die mit dem männlichen Blick auf den Körper verbunden sind. Und sie verdeutlicht, wie der Blick des lüsternen Eroberers auch eine gängige Praxis politischer und militärischer Gewalt ist.

Auch in der Gegenwart ist kein Entkommen

Bereits ihr 2020 auf Deutsch publiziertes Gedichtbuch „Der Körper kehrt wieder“ kreiste um die Opfer männlicher Gewalt, die Opfer der historischen und aktuellen russischen Bürgerkriege. „Mädchen ohne Kleider“ markiert nun auf bedrückende Weise, dass es auch in der Gegenwart kein Entkommen gibt vor dem Blick des Jägers:

Immer ist da ein Jäger, der Jäger will schießen./ Immer ist da ein Betrachter, der trachtet zu sehen/… Diese Lippen sind zu (mach auf), diese Mündung ist offen./ (komm schon, mach weit), das Tierchen entkommt in die Freiheit,/ Solange ihr nackter Körper deinen Blick fesselt.

Stepanova, die gerne mit den strengsten Gedichtformen arbeitet, probiert in den drei Zyklen ihres neuen Werks drei höchst unterschiedliche Formen und Sprechweisen aus. Das Buch wird als zweisprachige Ausgabe angeboten, und wer des Russischen nicht mächtig ist, kann auf die große poetische Kraft der Übersetzung von Olga Radetzkaja vertrauen.
Auf die Zehnzeiler von „Mädchen ohne Kleider“ folgt ein sogenannter Sonettenkranz, bei dem alle ersten Zeilen der vierzehn Sonette dann im fünfzehnten Gedicht zum Meistersonett geformt werden. Der Sonettenkranz „Kleider ohne uns“ entpuppt sich als ein poetisches Gegenstück zur Darstellung des instrumentalisierten Frauenkörpers. Es ist eine Art Kulturgeschichte der Bekleidung, in der die Sterblichkeit des Körpers evoziert wird.

Beschwörungszauber des poetischen Worts

Der dritte Zyklus des Buches führt in eine ganz andere Welt - in die Naturmagie des 2006 verstorbenen Dichters Gennadij Ajgi, dem der Text gewidmet ist. Als Nachfahre eines schamanistischen Priestergeschlechts repräsentierte Ajgi, der dem Minderheitenvolk der Tschuwaschen angehörte, einen Dichtertypus, der auf den Beschwörungszauber des poetischen Worts vertraute.
Im Anklang an die Gedichte Ajgis wandert Stepanovas lyrisches Ich in den 33 Vierzeilern des Zyklus „Bist du Luft“ durch eine russische Vorstadtlandschaft nahe der Wolga. Es ist ein behutsam tastendes Selbstgespräch, in dem sich das Ich des Textes der sinnlichen Wirklichkeit der einzelnen Naturdinge vergewissert:

Und die runde Wolke,/ Die Fichten, die Hügel, die Straße/ Tun nicht mehr so als ob/ Sie nicht du sind.

Die drei Zyklen im neuen Gedichtbuch von Maria Stepanova dürfen wir als absolute Höhepunkte im aktuellen Stimmenkonzert der Weltpoesie bewundern.

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