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Lesart | Beitrag vom 23.11.2020

Maria Stepanova: "Der Körper kehrt wieder"Lyrischer Crashkurs in russischer Geschichte

Von Michael Braun

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Buchcover Maria Stepanova: "Der Körper kehrt wieder" (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)
Wer Stepanova-Gedichte liest, landet unversehens am Eingang zum Höllentor. (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)

Die Lyrikerin Maria Stepanova vergegenwärtigt in ihrem Gedichtband "Der Körper kehrt wieder" russische Geschichte in beeindruckender Vielstimmigkeit. Klage und Requiem wechseln sich ab mit coolem Sarkasmus und doppelbödiger Ironie.

Die russische Lyrikerin Maria Stepanova liebt es, ihre Gedichte als einen "Crashkurs in Geschichte" anzulegen. Ihre erzählenden Langgedichte sind Expeditionen in ein Totenreich, in dem die Opfer der russischen Gewaltgeschichte versammelt sind.

Wer Stepanova-Gedichte liest, landet unversehens wie einst der Unterweltreisende in Dantes "Commedia" am Eingang zum Höllentor. Um dort erst mal fatalistisch zu verkünden: "Lass alle Hoffnung fahren".

Die 1972 in Moskau geborene Maria Stepanova, die in ihrer russischen Heimat bereits ein Dutzend Gedichtbände und zwei Essaybücher publiziert hat, ist in Deutschland mit ihrem in 14 Sprachen übersetzten Erinnerungsbuch "Nach dem Gedächtnis" bekannt geworden, in dem sie sich auf akribische Spurensuche nach ihrer jüdischen Familiengeschichte begibt und in alten Briefen und Fotografien die verbliebenen Zeugnisse ihrer Herkunft aufspürt.

Opfer historischer und aktueller Bürgerkriege

Nun sind in der fantastischen Übersetzung von Olga Radetzkaja drei lange Geschichtspoeme aus den letzten Jahren erschienen, wovon eines, das Titelgedicht "Der Körper kehrt wieder", Stepanovas zuletzt in Russland publiziertem Band entnommen ist.

In diesem titelgebenden Gedicht lässt Stepanova die Dichtung in persona auftreten, und zwar als weibliches Subjekt, das viele Biografien und Schicksale in sich aufgenommen hat und viele Sprachen spricht:

"Die Dichtung, absurdes, vieläugiges
Wesen mit vielen Mündern,
Das in vielen Körpern zugleich lebt,
Ging zuvor durch viele andere Körper,
Die jetzt zwecks Erhalt auf Station sind
Wie etwas demnächst zu Gebärendes."

Die "in vielen Körpern" lebende und "mit vielen Mündern" sprechende Dichtung verteilt sich in diesem Titelgedicht auf insgesamt 26 Strophen, die den einzelnen Buchstaben des Alphabets zugeordnet sind. Als starke Stimmen in diesem Dichter*innen-Chor wird auch eine dänische Dichterin zitiert.

Und da als Ordnungsprinzip das rückwärts laufende Alphabet eingesetzt wird, darf man annehmen, dass mit der weiblichen "Dichtung dänischer Zunge, die unter der Erde liegt" die 2009 verstorbene dänische Weltpoetin Inger Christensen gemeint ist, die einst mit ihrem Großpoem "alfabet" die Welt der Poesie verändert hat.

Schlüsselgestalten am Vorabend der Moderne

Die Unterwelt, der durch sie laufende Fluss Lethe und "die dunklen Gänge unter der Erde" sind die subterranen Orte, auf die Stepanova in den einzelnen Strophen immer wieder Bezug nimmt. So wird auch in "Spolia", dem zweiten Gedicht des Bandes, die dort in kurzen Szenen aufgeblätterte Galerie toter Dichterinnen und Dichter der Moderne erweitert um die Opfer der historischen und aktuellen Bürgerkriege, wobei auch Anspielungen auf die russische Intervention in der Ost-Ukraine einfließen.

Die russische Schriftstellerin und Familienbiografin Maria Stepanova sitzt an einem Tisch. (Foto: Andrej Natozinskij)Die Schriftstellerin und Familienbiografin Maria Stepanova (Foto: Andrej Natozinskij)

Auch wer dem russischen Original in dieser zweisprachigen Ausgabe nicht folgen kann, begeistert sich rasch für die Übersetzung von Olga Radetzkaja. Denn die Übersetzerin versteht es vortrefflich, all die Wechsel der Tonlagen, der Metrik und der rhythmischen Bewegung von Stepanovas Gedichten dynamisch nachzubilden, ihre Übertragungen sind selbst von großer Poetizität.

So folgen hier etwa auf weit ausschwingende Langzeilen ganze Abschnitte, in denen die Dichterin in klassischen Volksliedstrophen oder in lässigen Knittelversen schreibt. So auch bei der Anrufung Alexander Puschkins, einem jener Schlüsselgestalten am Vorabend der poetischen Moderne in Russland:

"In der 10er Straßenbahn
Hat sich Puschkin wehgetan.
»Ende Schmende«, spricht er lallend,
Lässt ein Häuflein Beeren fallen -
Toter Dichter, Demiurg,
Kommst nicht mehr nach Petersburg!"

Solche leichthändig dahingeworfenen Verse zeigen, dass Maria Stepanova bei ihrer poetisch vielstimmigen Vergegenwärtigung der russischen Geschichte und des "Großen Vaterländischen Kriegs" keinesfalls nur die Tonlagen der Klage und des Requiems wählt, sondern auch die Sprechweisen des coolen Sarkasmus und der doppelbödigen Ironie.

In der lyrischen Reflexion der russischen Unheilsgeschichte, wie sie der Gedichtband "Der Körper kommt wieder" vollzieht, mischen sich elegische Töne mit trockener Lakonie:

"Wie setzen wir das bloß zusammen fürs jüngste Gericht?
Dass Rettung bevorsteht, wussten die Knochen ja nicht."

Maria Stepanova: "Der Körper kehrt wieder"
Russisch und Deutsch
Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
138 Seiten, 22 Euro

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