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Buchkritik | Beitrag vom 10.09.2019

Maria Kjos Fonn: "Kinderwhore"Mit der Gewalt allein

Von Sonja Hartl

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"Kinderwhore" ist der Debüt-Roman von Maria Kjos Fonn. Die norwegische Autorin lebt als Journalistin in Oslo. (Culturbooks / Deutschlandradio)
"Kinderwhore" ist der Debüt-Roman von Maria Kjos Fonn. Die norwegische Autorin lebt als Journalistin in Oslo. (Culturbooks / Deutschlandradio)

In "Kinderwhore" von Maria Kjos Fonn geht es um Charlotte, die von ihrer Mutter alleingelassen wird. Kalte Einsamkeit, Missbrauch und Drogen führen in ein Leben ohne Ausweg, das mit einer radikal subjektiven, verstörend poetischen Sprache beschrieben wird.

Zerrissene, enge Babydolls, starker Eyeliner und Mary-Jane-Schuhe sind Merkmale des Kinderwhore-Stils, den Courtney Love geprägt hat. So zieht sich die Mutter der Ich-Erzählerin Charlotte in Maria Kjos Fonns eindrucksvollem Roman "Kinderwhore" an, wenn sie abends ausgeht: "Sie sah aus wie eine Katze, die stolz eine Maus im Maul trägt."

Charlotte bleibt dann alleine in der Wohnung. "Es war einmal ein Mädchen, das hatte zwei Feinde, die Ängstlich und Traurig hießen, und es legte sie in eine Dose unter das Bett und wollte nie mehr an sie denken." Doch sie bleiben nie in der Dose, so sehr Charlotte sich auch bemüht.

Gefühle zu unterdrücken hält sie am Leben

Gefühle zu unterdrücken, ist von Kindesbeinen an ein Mechanismus, der Charlotte am Leben hält. In kurzen, unmittelbaren Passagen erzählt sie von einer einsamen Kindheit, in der sie sich um die Aufmerksamkeit einer Mutter bemüht, die meist zugedröhnt im Bett liegt.

Mit zehn Jahren entdeckt Charlotte, dass die Tabletten ihrer Mutter auch sie schlafen lassen. Mit zwölf klopft es nachts an der Zimmertür: "Er schob eine Hand unter mein Nachthemd. Das Nächste, was passierte, kann ich nicht sagen. Oder. Ich weiß nicht. Es gibt Dinge, die nicht gesagt werden können, weil sie eigentlich niemals gefühlt werden können."

In dieser Nacht löst sich Charlotte von ihrem Körper, sie beobachtet von außen, was mit ihr passiert. Mit der Gewalt ist sie allein.

Die Puppe lässt alles mit sich machen

Sie googelt "anal rape und brutalized stepdaughter" (anale Vergewaltigung und verrohte Stieftochter), sieht sich Pornos an, nimmt mehr Tabletten und entwickelt zwei Strategien, die sie "Puppe und die Maschine" nennt: Die Puppe lässt alles mit sich machen, die Maschine hat die Kontrolle, indem ein Programm abspult, das sie mitmacht; "aber sie betraf mich nicht. Danach zitterte ich, aber es kamen keine Tränen, alles war in Ordnung."

Der Mann verlässt ihre Mutter, aber der Roman endet hier nicht, weil für Charlotte mit der Trennung nichts endet. Sobald es klopft, zuckt sie zusammen, sie hat Sex, empfindet aber nur Schmerz.

Sie versucht sich zu behaupten, indem sie äußere Zuschreibungen annimmt, "Kinderwhore" als Profilnamen und Mailadresse anlegt, sich prostituiert.

Beständig ringt sie um Worte

Sie nimmt Drogen, versucht sich umzubringen und landet in Psychiatrien und Pflegefamilien. Beständig ringt sie um Worte für das, was passiert und in ihr vorgeht – und durch die radikale Subjektivität der direkten, bisweilen verstörend poetischen Sprache ringt man mit ihr.

Wie Adelaide Bons "Das Mädchen auf dem Eisfeld" lässt Maria Kjos Fonns "Kinderwhore" nachempfinden, wie sich Traumatisierung auf den Körper, auf die Psyche, auf das Leben auswirkt. Charlotte ist allein. Und Hilfe bekommt sie Jahre zu spät.

Maria Kjos Fonn:"Kinderwhore"
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Culturbooks, Hamburg 2019
256 Seiten, 20 Euro

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