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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.05.2020

Margrit Sprecher: "Irrland""Mächtige Männer sind interessanter als ihre Opfer"

Margrit Sprecher im Gespräch mit Frank Meyer

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Margit Sprecher schaut freundlich in die Kamera. (Fabian Biasio)
Die Schweizer Journalistin Margrit Sprecher sagt: "Eine objektive Reportage gebe es nicht." (Fabian Biasio)

Die Journalistin Margrit Sprecher ist die Grande Dame der Reportage. Einige davon versammelt sie in ihrem Buch "Irrland". So manch mächtiger Mann sei mit ihren Porträts gar nicht glücklich gewesen, verrät sie.

Theo Müller, der Eigentümer des Molkereiunternehmens Müller Milch gibt nur selten Interviews. Sie hat daher Glück gehabt, dass sie ihn für eine Reportage überhaupt treffen konnte, sagt die Journalistin Margrit Sprecher im Deutschlandfunk Kultur. 

"Er war ein sehr bodenständiger Mann, der bayerisch gesprochen hat, sehr bedächtig war und auch ein bisschen unbeholfen", sagt Sprecher. Nach dem Interview habe er allerdings alle Äußerungen zurückgezogen.

"Es war eine Katastrophe", meint sie. Er habe durchaus lobende Sätze gesagt. Doch seine bayerische Sprache habe ihn gestört und sei ihm minderwertig vorgekommen. Er hätte lieber ein richtiges Hochdeutsch gesprochen. "Für mich war die Reportage wie Kino ohne Ton", sagt Sprecher. Ohne seine Sprache sei sie leblos geblieben. 

Mächtige Männer sind eine Herausforderung

In Sprechers Buch "Irrland" kommen mehrere mächtige Männer zu Wort. Diesen Männern nahe zu kommen, war eine große Herausforderung, sagt sie und begründet ihr Interesse: "Mächtige Männer sind einfach interessanter als andere Zeitgenossen. Sie sind vor allem interessanter als ihre Opfer."

Kaum einer der von ihr porträtierten sei mit ihren Reportagen wirklich glücklich gewesen, gibt Sprecher zu. Oft habe es danach böse Briefe gegeben. Eine Reportage lebe vom Temperament des Schreibenden. Eine objektive Reportage gebe es nicht. Und die, die so tun, als seien sie objektiv, sind langweilig. 

Objektive Reportagen sind langweilig

Der Leser muss spüren, dass die Subjektivität von ihr als Autorin komme. Dann ist Subjektivität auch in Ordnung, meint Sprecher. Der Leser soll das Gefühl haben, dass er dort gewesen ist und dafür müsse sie als Berichtende eben möglichst viele Sinneseindrücke liefern. 

Der Titel des Bandes "Irrland" steht  zwar auch über einer Reportage über Irland. Aber ihre Verlegerin sei der Meinung gewesen, er passe auch als Sammelbegriff für alle Reportagen Sprechers aus einer verrückten, einer "irren" Welt. "Vielleicht ein bisschen wie Alice im Wunderland. Die trifft ja auch viele seltsame Figuren", so Sprecher. 

Margrit Sprecher: "Irrland"
Doerlemann Verlag, Zürich 2020
272 Seiten, 22 Euro

(nis)

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