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Buchkritik | Beitrag vom 15.10.2020

Margaret Laurence: "Der steinerne Engel"Widerborstig bis ins hohe Alter

Von Rainer Moritz

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Cover des Romans "Der steinerne Engel" von Margaret Laurence (Deutschlandradio / Eisele Verlag)
"Der steinerne Engel" erzählt von Hagar Shipley, die mit über 90 Jahren nicht wahrhaben möchte, dass ihre Kräfte schwinden. (Deutschlandradio / Eisele Verlag)

In ihrer kanadischen Heimat sind die Romane von Margaret Laurence Klassiker. "Der steinerne Engel" war lange Schullektüre. Nun erscheint das Buch über eine von Schicksalsschlägen gebeutelte, aber kämpferische Frau in neuer Übersetzung auf Deutsch.

Margaret Laurence? Leserinnen und Leser hierzulande wissen mit der 1926 geborenen und 1987 gestorbenen Autorin meist wenig anzufangen, wohingegen sie in ihrer kanadischen Heimat eine anerkannte Größe ist, gleich neben Alice Munro und Margaret Atwood. Vor allem ihr zweiter Roman "Der steinerne Engel" (1964) ist in Erinnerung geblieben, stand lange auf den Lektürelisten der Schulen und wird immer wieder genannt, wenn es um die wichtigsten kanadischen Romane des 20. Jahrhunderts geht.

Diese Popularität verdankt er im Wesentlichen seiner einprägsamen Hauptfigur Hagar Shipley, einer um 1870 geborenen Frau, die als Ich-Erzählerin fungiert. Sie tritt zu Anfang als 90-jährige Frau auf, die auf ihre alten Tage bei ihrem Sohn Marvin und dessen Frau Doris untergekommen ist. Hagar ist eine jener zahlreichen "starken" Frauen in Laurences Werk, und trotz ihrer Gebrechen und Bewusstseinstrübungen hat sie selbst im hohen Alter nichts von ihrer ureigenen Kratzbürstigkeit und Widerborstigkeit verloren. Der Absicht ihres Sohnes, sie in einem Seniorenheim mit dem aparten Namen "Silberfaden" unterzubringen, widersetzt sie sich heftig und flüchtet bei Nacht und Nebel – ein letzter, verzweifelter Ausbruch, der in einer verfallenen Fischfabrik endet.

Eine "versteinerte" Frau

Laurence lässt Hagars mühsames Leben Revue passieren, indem sie ihre Erzählerin in die Vergangenheit zurückgleiten lässt. Schauplatz ist das fiktive Präriestädtchen Manawaka in der Provinz Manitoba, wie übrigens in vier weiteren Laurence-Romanen. Noch einmal taucht Hagar hinein in jene Zeit, als sie gegen den Willen ihres Vaters, eines angesehenen Ladenbesitzers, den ungehobelten Witwer Brampton heiratet und auf dessen heruntergekommenen Farm alles andere als das von ihr erträumte Leben führt.

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Der manchmal etwas mechanisch wirkende Wechsel der Vergangenheits- und Gegenwartsebenen macht nach und nach deutlich, wie Hagar zu jener unglückselig kämpfenden Frau wurde, die ihre wahren Gefühle ein Leben lang kaschierte und so mit allen Schicksalsschlägen zurechtzukommen suchte. An solchen mangelte es in ihrem Leben nie. Insbesondere den durch eine idiotische Mutprobe selbst verschuldeten Unfalltod ihres zweiten Sohnes John verkraftet sie zeitlebens nicht und tut Fremden gegenüber so, als sei er im Krieg gefallen. Ihn zu verlieren ließ sie "versteinern".

Biblische Motive und Wortwitz

Laurence arbeitet mit biblischen Motiven – etwa wenn sie ihre Protagonistin auf die von Abraham geschwängerte Sklavin Hagar bezieht – und versieht ihren Text gleichzeitig – etwa in den meisterhaften Altersheim- und Krankenhausepisoden – mit einem furiosen Wortwitz. Die Greisin Hagar, die sich selbst als "abgegraste Augenweide" sieht, kämpft darum, ihrem Leben noch auf dem Sterbebett einen Zusammenhang zu geben. Gott kann ihr dabei nicht helfen.

1965 (bei Droemer) beziehungsweise 1988 (bei Reclam Leipzig) erschien dieser an Lebenserfahrung so reiche Roman in Herbert Schlüters Übersetzung zuerst auf Deutsch. Dass es sich wahrlich lohnt, ihn zu entdecken, hat auch mit Monika Baarks neuer, sehr frischer Übersetzung zu tun. Die Art und Weise, wie sie Hagar Shipley räsonieren und lamentieren lässt, klingt lange nach.

Margaret Laurence: "Der steinerne Engel"
Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark
Eisele Verlag, München 2020
349 Seiten, 22 Euro

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