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Fazit | Beitrag vom 17.11.2019

Margaret Atwood wird 80Humanistin und hellsichtige Mahnerin

Von Tobias Wenzel

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Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood (picture alliance / AP / Invision / Arthur Mola)
Ihr erster Roman galt einer Ameise: Die Autorin Margaret Atwood schrieb schon mit sieben Jahren eine Geschichte. (picture alliance / AP / Invision / Arthur Mola)

Weltberühmt wurde sie mit ihrer Dystopie "Der Report der Magd". Heute feiert die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood ihren 80. Geburtstag. Über ihre teilweise düsteren Visionen sagt sie: "Ich beschreibe nur, was wir schon tun oder tun könnten."

Mit acht Jahren, erzählte Margaret Atwood einmal, habe sie ihren ersten Job gehabt, Kinderwagen schieben für 25 Pennys:

"Meine Eltern hatten die Rezession erlebt und waren ziemlich sparsam. Deshalb musste ich ein Sparbuch eröffnen und die Pennys einzahlen. Da habe ich zum ersten Mal das Wort 'Zinsen' gehört. Zinsen waren mir ein Rätsel. Ich hatte sie ja nicht für das Schieben des Kinderwagens bekommen. Warum tauchten sie dann aber in meinem Sparbuch auf? So wirklich verstehen wir das immer noch nicht."

Was sind Zinsen und was Schulden? Margaret Atwood ist der Frage wunderbar anschaulich in ihrem Sachbuch "Payback" nachgegangen. Ihre stark ausgeprägte Neugier hat die kanadische Autorin auch über abseitige Fragen nachdenken lassen wie "War Jesus ein Vegetarier?" oder "Inwiefern ist die Seite eines Romans eine Partitur?"

Tochter eines Insektenforschers

Die studierte Literaturwissenschaftlerin glänzt in ihren Essays mit ihrem scharfen Urteilsvermögen. Eine weltweit große Leserschaft nimmt sie aber vor allem wegen ihrer Romane wahr, darunter "Der blinde Mörder", für den sie den Booker Prize erhielt.

1939 wurde Atwood im kanadischen Ottawa als Tochter eines Waldinsektenforschers geboren. Sie wuchs praktisch im Wald auf:

"Mein erster Roman, den ich mit sieben Jahren geschrieben habe, handelte vom frühen Leben einer Ameise. In dem Buch ist aber nichts passiert. In einem Ameisenei oder einer Ameisenpuppe gibt es ja keine Konflikte. Deshalb lasse ich heute meine Romane nicht mehr so beginnen wie meinen ersten. Ich brauche Handlung, keine Eier."

Im Roman "Der Report der Magd" von 1985 entwarf Atwood ein christlich-fundamentalistisch geprägtes, totalitäres System, in dem Frauen zu Gebärmaschinen degradiert werden. Spätestens als Donald Trump Präsident wurde, wirkte das Buch nicht mehr wie eine unrealistische Dystopie. 2017 wurde es als US-amerikanische Fernsehserie umgesetzt. Ein Hype entstand.

Atwood selbst schrieb "Der Report der Magd" mit dem Roman "Die Zeuginnen" fort und bekam dafür 2019 erneut den Booker Prize. Schon zwei Jahre zuvor hatte Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Nur wenige Menschen überleben die Pandemie

Als Humanistin hat sie ein feines Gespür für besorgniserregende gesellschaftspolitische Veränderungen entwickelt. In ihrer endzeitlichen Trilogie "MaddAddam" sind die Reichen und Mächtigen von den verelendeten Armen geografisch abgeschottet. Eine Pandemie überleben schließlich nur wenige Menschen und transgene Schweine:

"Ich beschreibe nur, was wir entweder schon tun oder tun könnten. Das gilt schon für 'Oryx und Crake', den ersten Teil der Trilogie. Da arbeiten Forscher bereits an Dingen, die mittlerweile realisiert sind. Vielleicht denken Sie, ich hätte die Cyber-Insekten frei erfunden, denen ein Nano-Chip, eine Spionagevorrichtung, implantiert wurde. Das habe ich nicht erfunden. Zurzeit wird daran geforscht. Wenn Sie schon bald an der Wand eine Fliege bemerken, könnte die Fliege Sie ansehen und aufzeichnen. Und Sie könnten sie gar nicht von einer richtigen Fliege unterscheiden."

Die Gefahr eines Überwachungsstaates, der drohende Verlust von Demokratie und Freiheit, die Hybris des Menschen – Margaret Atwood ist eine hellsichtige Mahnerin. Das betrifft auch den Klimawandel. Als Greta Thunberg gerade mal geboren war, erfand Atwood schon einen Stift, mit dem man über das Internet aus der Ferne Dokumente unterschreiben kann. Die Idee dahinter: geschäftliche Flugreisen reduzieren. Die Autorin selbst fährt, wenn möglich, mit dem Zug und nutzt zuhause in Toronto öffentliche Verkehrsmittel oder geht zu Fuß.

Die Kakerlake nimmt unseren Platz ein

Schon lange prophezeit sie, dass wir Menschen, wenn wir mit den Ressourcen der Erde nicht sparsamer umgehen, in gar nicht so ferner Zukunft ersticken oder verhungern. Aber, bemerkte sie einmal nicht ohne Augenzwinkern, andere Lebewesen würden dann halt unseren Platz einnehmen:

"Kakerlaken sind sehr alte Tiere und haben erstaunliche Überlebenskräfte. Sie sind äußerst anpassungsfähig. Man hat sogar lebende Exemplare in Kernreaktoren gefunden. Wenn es also einem Wesen gelingen sollte, schwierige Zeiten zu überstehen, dann wahrscheinlich der Kakerlake."

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