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Fazit | Beitrag vom 15.09.2020

Manuela Kerers neue Oper "Toteis" in WienPackendes Musiktheater über eine Frontsoldatin

Von Jörn Florian Fuchs

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Szenenbild aus der Oper "Toteis" von Manuela Kerer & Matthias Plattner mit Isabel Seebacher als "Viktoria", die bäuchlings vor einem schwarzen Hintergrund auf einer grauen Mauer liegt und einen Verband um den Kopf trägt.  (Stiftung Haydn Bozen / Alessia Santambrogio)
Isabel Seebacher spielt "Viktoria" - eine Frau, die sich in der Männerdomäne Krieg einen Namen macht. (Stiftung Haydn Bozen / Alessia Santambrogio)

Die Oper "Toteis" erzählt die wahre Geschichte von Viktoria Savs, die als Mann verkleidet im Ersten Weltkrieg an der Front zur Heldin wird. Während die Komposition von Manuela Kerer vollauf überzeugen kann, ist das Libretto eine kleine Enttäuschung.

Die Geschichte schreit geradezu nach der großen Bühne: Es geht um eine junge Frau, die sich als Mann verkleidet und als Frontsoldatin im Ersten Weltkrieg an der Seite Österreichs gegen die Italiener kämpft. Später sympathisiert sie mit den Nationalsozialisten. Sie wird als Heldin gefeiert, auch weil sie ein Bein verloren hat.

Ob durch einen feindlichen Angriff oder durch eigene Hand, bleibt ebenso unklar wie vieles Weitere in ihrer Biografie. Die Südtiroler Komponistin Manuela Kerer hat aus der Geschichte von Viktoria Savs (1899-1979) ein packendes, die Figur immer neu umkreisendes Musiktheater gemacht.

Männliche Gewaltfantasien

Klirrende Klangflächen, verfremdete Volksmusik, ein paar elegische Kantilenen bestimmen die von Walter Kobéra und dem amadeus ensemble-wien perfekt interpretierte Partitur.

Das Ensemble rund um Isabel Seebacher in der Titelpartie überzeugt ebenso wie der Wiener Kammerchor, der als Soldateska vorwiegend männliche Gewalt(fantasien) ausspielt und singt.

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Mirella Weingarten inszeniert pointiert, mit guter Personenführung und klaren Bildideen, alles spielt auf einer mehrfach unterteilten, welligen Bühne.

Nur das Libretto von Martin Plattner überzeugt nicht vollends. Da findet sich eine Spur zu viel Genderdiskurs und zu wenig Psychologie. Im Ganzen aber wieder eine starke Produktion der Neuen Oper Wien, die immer ein Garant für Neues und Un-Erhörtes ist.

Die Oper "Toteis" von Manuela Kerer & Martin Plattner am Theater Akzent: weitere Vorstellungen am 17. & 19. September 2020 jeweils um 19:30 Uhr

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