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Konzert / Archiv | Beitrag vom 30.06.2021

Mandelring Quartett und Freunde beim Hambacher MusikfestFlorentiner Tage in musikalischer Erinnerung

Moderation: Volker Michael

Bunte Postkarte mit Blick von einer Anhöhe auf das am Fluss gelegene Florenz um 1890. (imago / United Archives International)
Schon im Jahr 1890 Postkarten tauglich: Blick auf Florenz für die Erinnerungen oder Grüße an die Freunde. (imago / United Archives International)

Beim Abschlusskonzert des Hambacher Musikfests spielte das Mandelring Quartett mit den Rivinius-Brüdern zwei russische Streichsextette der Romantik: eines von Reinhold Glière und das von Tschaikowsky mit dem Titel "Souvenir de Florence".

Es sei gerade gut gegangen und eine Punktlandung gewesen, sagt Bernhard Schmidt, der Cellist des Mandelring Quartetts. Seit 24 Jahren veranstaltet diese hervorragende Formation das Hambacher Musikfest in und um das berühmte Hambacher Schloss in der Pfalz.

In diesem Jahr waren auch die Brüder Benjamin Rivinius (Viola) und Gustav Rivinius (Violoncello) eingeladen. Gemeinsam spielen sie zwei Sextette russischer Komponisten, die sich aber auch oft und gern in Mittel- und West-Europa aufhielten: Tschaikowsky und Glière. 

Das Mandelring Quartett zusammen mit dem Bratscher Benjamin Rivinius und  Cellisten Gustav Rivinius im Hambacher Schloss am 6.6.21 beim Hambacher Musikfest  (wilfried-dechau.de/Hambacher Musikfest) (wilfried-dechau.de/Hambacher Musikfest)

"Ich weiß noch, wie fasziniert ich sofort war, von der Kombination aus im besten Sinne eingängiger Musik, die trotzdem sehr differenziert und kunstvoll gemacht war", erinnert sich der Cellist Bernhard Schmidt an die erste Begegnung mit Glières Sextett, das der in Kiew geborene Komponist während seiner Ausbildung in Berlin komponierte.

Russisch-deutsche Wurzeln

Reinhold Glière war ausgebildeter Geiger, entsprechend nahe stand ihm das Streicher-Repertoire. Er wurde als Sohn einer polnischen Mutter und eines sächsischen Vaters, der Instrumentenbauer war, geboren. Später studierte er in Moskau. 1905 ging er für weitere Studien nach Berlin. Hier ließ er sich von Oskar Fried im Fach Dirigieren weiterbilden. In dieser Zeit hat Glière auch sein drittes Streichsextett geschrieben, umgeben von den aktuellen Strömungen mitteleuropäischer Musik.

Der Komponist Reinhold Glière auf einem undatierten Schwarz-Weiß-Foto (imago / United Archives International)Der Komponist Reinhold Glière blieb dem spätromantischen Duktus treu. (imago / United Archives International)

Das steckt voller Originalität, aber auch Anklänge an Wagner oder Mahler finden sich darin und ein beeindruckender Expressionismus ähnlich dem in Arnold Schönbergs "Verklärter Nacht", wie Bernhard Schmidt meint.

Erinnerung an Italien

Ein großes weiteres Streichsextett beendete das Hambacher Musikfest 2021. Dieses Werk ist vor allem in der Fassung für Streichorchester bekannt und beliebt: das einzige Streichsextett aus der Feder von Peter Tschaikowsky.

Wie Reinhold Glières Sextett im ersten Teil hat auch dieses Stück einen Bezug zu einer Auslandsreise seines Schöpfers: Tschaikowsky liebte Italien. Immer wieder reiste er dorthin, um zu komponieren und sich zu erholen.

So auch 1890: In der Toskana komponierte er seine Oper "Pique Dame", nach der Rückkehr schrieb er dann das Sextett und nannte es "Souvenir de Florence".

Keine musikalische Postkartenidylle

Tatsächlich gibt es darin italienische Motive, aber auch viel russisches Klangmaterial. Es handelt sich aber keinesfalls um eine Art musikalischer Postkartenidylle. Denn Tschaikowsky stand mehrere Wochen unter dem Eindruck des Inhalts seiner Oper "Pique Dame", die er in Florenz fertiggestellt hatte.

Die Dramatik des Puschkin-Stoffes färbte auch auf das Sextett ab: deshalb die düstere Tonart d-Moll und zum Beispiel der aufwühlende Beginn. Erst im Verlauf des Stücks beruhigt sich die Musik, wenn sie eindeutig den Charakter der Erinnerung an italienische Klangwelten annimmt.

Mühelos oder voller Mühe?

Tschaikowsky komponierte das Sextett für seine legendäre Mäzenin Nadeschda von Meck. In einem Brief an sie schrieb er: "Ich hege die Hoffnung, Sie, meine Liebe, werden froh sein zu erfahren, dass ich ein Sextett für Streicher komponiert habe. Ich kenne Ihre Liebe zur Kammermusik und freue mich, dass Sie mein Sextett wahrscheinlich hören werden, denn dazu brauchen Sie nicht ins Konzert zu gehen; ein Sextett lässt sich auch leicht in Ihrem Hause aufführen. Hoffentlich gefällt es Ihnen; ich habe es mit viel Freude und Begeisterung, ohne jegliche Mühe komponiert."

Foto der ernst blickenden Nadezhda von Meck, die ihre dunklen Locken streng nach oben frisiert trägt. (imago stock&people/United Archives International)Nadezhda von Meck soll Tschaikowsky nie persönlich begegnet sein. (imago stock&people/United Archives International)

In einem Brief an seinen Bruder Modest wiederum erzählte Tschaikowsky etwas ganz Anderes. Es falle ihm schwer, für sechs gleichberechtigte Stimmen zu komponieren.

Trotz aller Mühe strahlt dieses Werk eine frische Leichtigkeit und Eleganz aus. Gerade die vielstimmigen Abschnitte, so die Fuge im vierten Satz, zeigen die fantasievolle Meisterschaft des Komponisten, der sich einmal mehr als wahrer Europäer erweist.

Hambacher Musikfest
Aufzeichnung vom 6. Juni 2021 im Festsaalbau des Hambacher Schlosses

Reinhold Glière
Streichsextett C-Dur op. 11

Peter Tschaikowsky
Streichsextett d-Moll op. 70 "Souvenir de Florence"

Mandelring Quartett:
Sebastian und Nanette Schmidt Violine
Andreas Willwohl, Viola
Bernhard Schmidt, Violoncello

Benjamin Rivinius, Viola
Gustav Rivinius, Violoncello

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