Ayala Goldmann: "Schabbatkind"

    Man wächst in einem Kulturzwiespalt auf

    06:16 Minuten
    Ayala Goldmann lacht in die Kamera
    Die Journalistin Ayala Goldmann © Privat
    Von Stefanie Oswalt · 24.12.2021
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    Ayala Goldmann hat sich auf Spurensuche nach den eigenen Wurzeln und Familiengeschichten gemacht. In „Schabbatkind“ spürt sie ihren Familienzweigen nach und fragt nach der Bedeutung ihrer ganz eigenen Jüdischkeit.
    Am 28. November 2017 stirbt Shraga Goldmann in Ulm. Noch innerhalb der Schloschim, der 30 Trauertage, setzt sich seine Tochter an den Computer, um über ihn und ihre Familie zu schreiben – ihr ganz persönliches Kaddisch:
    „Kaddisch ist ja das Trauergebet. Und wir haben Kaddisch am Grab von meinem Vater gesagt, aber mein Vater war nicht religiös. Und über ihn zu schreiben war meine Art, um ihn zu trauern, deshalb habe ich es ‚Kaddisch für meinen Vater’ genannt.“

    Ein wiederholter Versuch

    Shraga Goldmann stammt aus einer osteuropäischen, orthodox-jüdischen Familie – was ihn zeitlebens sehr geprägt hat:
    „Er stand politisch links, war in der SPD und säkular war. Dafür ist es doch sehr interessant zu sehen, wie die Erziehung seiner Eltern in ihm nachgewirkt hat, auch wenn er Israeli, Kibbuznik und alles andere als religiös war.“
    Es ist nicht ihr erster Versuch, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Schon vor gut zwanzig Jahren hat sie einen ersten Anlauf unternommen:

    Ich wollte damals herausfinden, was unsere Familiengeschichte für mich bedeutet. Ich bin daran gescheitert. Ich war vielleicht zu jung. Eine Therapeutin war der Ansicht, ich litte an einem Zweite-Genrations-Syndrom. Das klang gut. Zu gut. Ich glaubte, ich hätte einen Generalschlüssel gefunden. Aber ich habe mich geirrt. Denn niemand in unserer Familie hat ein Überlebendentrauma. Aus einfachem Grund: Es gibt keine Überlebenden.

    Aus Ayala Goldmanns "Schabbatkind"

    Keine Geschichte die Frauen der Familie

    Nach dem Tod des Vaters stößt sie auf weitere Spuren – etwa denen des Bruders der Großmutter, einen Uhrmacher und Lebemann, der in Warschau fünfmal heiratete. Doch die meisten Schicksale bleiben im Dunkeln.

    Ich weiß nichts über die drei Agajster-Schwestern. Ich kann nur ihre Namen nennen, aber nichts erzählen. Nichts und alles: Es hat sie gegeben. Ich bin Journalistin, keine Romanautorin, es ist mir nicht gegeben ein Leben für die Frauen meiner Familie zu erfinden, sie bleiben Geister.

    Aus Ayala Goldmanns "Schabbatkind"

    Umso plastischer und lebendiger kann Ayala Goldmann von den unmittelbaren Verwandten des Vaters berichten, der 1935 als siebtes Kind geboren wird.
    „Diese Familie konnte 1938 nach Palästina auswandern, nachdem sie aus Deutschland ausgewiesen wurde. Sie hatten Glück, weil meine Tante in der zionistischen Bewegung aktiv war und ihnen helfen konnte, über die Jewish Agency ein Visum für Palästina zu bekommen. Mein Vater ist dann mit seinen Eltern in Haifa aufgewachsen, materiell nicht sehr begünstigt.“

    Oma missbilligt den Israeli

    Wegen der vielen Krankheiten seiner Eltern entschließt sich Shraga Goldmann für ein Medizinstudium und weil er die Aufnahmeprüfung in Israel nicht besteht, geht er zum Studium kurzerhand nach Deutschland – ein pragmatischer Entschluss:
    „So ist er dann nach Hamburg gekommen, ohne Visum und ohne Studienplatz. Dann hat er in Hamburg Medizin studiert, meine Mutter kennengelernt und ist dann letztlich 1972 nach Ulm gezogen. Dort hat er 1992 gemeinsam mit seinen seinen Kollegen als Transfusionsmediziner das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschlands gegründet. Auf dem Gebiet der Transfusionsmedizin hat er einiges Bahnbrechende geleistet."
    Besonders stark ist Ayala Goldmanns Buch in den Passagen über ihre Eltern und ihr eigenes Aufwachsen im Ulm der 70er/80er-Jahre. Sie schreibt stellenweise sehr amüsant vom Vater, der sich im Hamburg der 60er-Jahre in eine deutsche Frau verliebt. Und von der mütterlichen Familie, der sie eine Nähe zum Nationalsozialismus attestiert. Großmutter Elfriede missbilligt den israelischen Freund der Tochter:

    Als der junge Mann die Kartoffeln mit der Gabel zerdrückte, macht sie eine Bemerkung über Tischsitten. Mein Vater verstand die Beleidigung. Er stand auf. „Ich merke, ich bin hier nicht erwünscht. Wir können gehen“, sagte er und nahm meine Mutter an der Hand. Mehr als ein Jahr unterließen sie jeden Besuch bei Elfriede.

    Aus Ayala Goldmanns "Schabbatkind"

    Warmherziger Zusammenhalt

    „Meine Mutter hatte gute Gründe, sich von ihrer Familie loszusagen. Ich glaube, für meine Mutter war die Familie meines Vaters – diese sieben Kinder, diese Warmherzigkeit, wie alle zusammengehalten haben und sich um die Eltern gekümmert haben –, das war für sie eine Welt, die sie nicht kannte, weil das bei ihr in der Familie alles viel weniger solidarisch zuging."
    Ayala Goldmanns Mutter ist 1965 zum Judentum übergetreten, einen Monat vor ihrer Heirat. Darüber erzählt die Tochter mit bemerkenswerter Offenheit und frischem Mut. Denn wer wie jüdisch ist, wird innerhalb der jüdischen Gemeinschaft auch heute noch genau registriert und scharf diskutiert.
    Für Ayala Goldmann ist die Sache aber spätestens seit ihrem zehnten Lebensjahr völlig klar: Mit Weihnachten hat sie nichts zu tun.
    „Wenn man aus so einer Familie kommt, wächst man natürlich in einem gewissen Kulturzwiespalt auf. Dann möchte man das eindeutig haben. Das war bei mir als Kind der Wunsch zu sagen: Wir feiern jüdische Feiertage, wir fahren nach Israel, wir haben eine große jüdische Familie, Tannenzweige sind überflüssig. Für mich war es überhaupt kein Problem, an Heiligabend einfach nichts zu machen.“

    Ayala Goldmann: "Schabbatkind"
    Hentrich & Hentrich, Leipzig 2021
    182 Seiten, 19,90 Euro

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