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Tonart | Beitrag vom 15.12.2014

Malerei und JazzWie Rot klingt

Das Matthias Tschopp Quartet spielt Miró

Von Ralf Bei der Kellen

Ausschnitt aus dem Bild "Femme A La Voix De Rossignol Dans La Nuit" von dem katalanischen Maler Joan Miró. (Carl Court / AFP)
Ausschnitt aus dem Bild "Femme A La Voix De Rossignol Dans La Nuit" von dem katalanischen Maler Joan Miró. (Carl Court / AFP)

Der junge Schweizer Baritonsaxophonist Matthias Tschopp durchwandert auf musikalischem Wege die Werke Joan Mirós. Sein Zyklus aus vertonten Bildern ist intelligenter, zeitgenössischer Jazz.

"Das ist ein Nachname aus Basel, also ich weiß auch nicht, wo der zurückführt. Mein Bruder meint immer, das ist ein Raubrittergeschlecht, aber (lacht) ich weiß nicht, ob das stimmt. Also im Familienwappen ist auf jeden Fall so 'ne Faust und ein Schwert, also kann schon sein, dass das irgendwelche Ritter mal waren."

Matthias Tschopp, das Baritonsaxophon und die Bilder von Joan Miró: Ungewöhnlicher Name, ungewöhnliches Instrument und – ein ungewöhnlicher musikalischer Ansatz.

Die bildende Kunst als Inspirationsquelle für Musik hatte es Tschopp schon lange angetan. Als er 2008 ein Auslandssemester in Barcelona absolviert, sieht er dort die Bilder des katalanischen Malers Joan Miró. Schnell wird ihm klar, dass sich diese sehr gut als Vorlage eignen. So entsteht eine Art Zyklus aus neun "vertonten" Bildern.

Der Baritonsaxophonist Matthias Tschopp mit seinem Instrument im Arm (Matthias Tschopp)Der Baritonsaxophonist Matthias Tschopp (Matthias Tschopp)

"Ich bin sozusagen in das Stück gewandert, und hab ein Element nach dem anderen übersetzt in ein musikalisches Pendant, und hab das dann so aufgereiht… und immer wenn dann so 'ne rote Fläche kam, war das dann der gleiche Akkord, aber ich hab dann einfach einen Akkord gesucht, der für mich so diese Farbe oder diese Kraft oder diese Energie ausstrahlt oder der einfach passt, aber bei einem anderen Bild konnte Rot dann schon wieder etwas anderes heißen.

Das Wichtige ist einfach, dass man mal ein bisschen einen Startpunkt hat oder man kann sich auch ans Klavier sitzen und einfach schauen, was für Ideen man hat, aber… oft kommen dann auch ein bisschen immer die gleichen Ideen. Also, es ist schwierig, aus sich selber heraus auf etwas komplett Neues zu kommen – aus sich selber heraus kommen ja oft die Sachen, die man halt schon kennt und verinnerlicht hat – die kommen dann raus."

Entstehungsprozess eines Bildes imitieren

Die Bilder von Miró zeigten Matthias Tschopp musikalische Pfade, die er sonst vielleicht nicht betreten hätte. Mal halten sich seine Kompositionen eng am Bild, manchmal entfernen sie sich fast vollständig. Und manchmal imitiert die Musik auch den Entstehungsprozess eines Bildes – so zum Beispiel im Fall des "Selbstportraits", das Miró 1938 fertigstellte und dann 22 Jahre später in einer Kopie übermalte.

"Das machen wir auch live immer so, wir lassen eigentlich immer ein Kassettengerät mitlaufen, wenn wir das Stück spielen, und das erste Stück hat kaum Improvisation drin, sondern ist sehr stark auskomponiert, weil eben auch das alte Selbstportrait sehr ausgeklügelt und sehr durchgedacht ist sozusagen… und das nehmen wir auf und spulen dann die Aufnahmen zurück, lassen sie laufen und malen drüber dann ein kurzes, komplett improvisiertes neues Selbstbild."

Der CD liegt ein kleines Poster bei, auf dem alle Bilder abgebildet sind und durch kurze Texte zum Prozess der Übersetzung kommentiert sind. Bei Konzerten werden die Bilder zu den jeweiligen Stücken auf eine Leinwand projiziert. Natürlich funktioniert die Musik auch ohne die Bilder – manchmal sogar besser:

"Also, wir haben auch schon Konzerte gespielt, ohne die Bilder zu zeigen. Wir haben zum Beispiel im Frühling einen Förderpreis gewonnen mit dieser Band und da durften wir die Bilder gar nicht zeigen, weil das ein Wettbewerbsvorteil gewesen wäre, aber das war super eigentlich mal ohne zu spielen, das hatte was Befreiendes auch irgendwie."

Kongenialer künstlerischer Ideentransfer 

Als Band-Leader ist Matthias Tschopp eher zurückhaltend, nicht selten überlässt er seinem Pianisten Yves Theiler das Feld. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass man mit dem Baritonsaxophon in erster Linie ein Teamplayer sein muss. Matthias Tschopp hat das in über anderthalb Jahrzehnten Erfahrung mit dem sperrigen Instrument in vielen Big Bands gelernt u.a. im BundesJugendJazzOrchester, damals noch unter der Leitung von Peter Herbolzheimer.

Dass – ähnlich wie bei den "Bildern einer Ausstellung" des russischen Komponisten Modest Mussorgsky – die Musik eines Tages berühmter sein wird als die Bilder, die sie inspirierten, ist kaum anzunehmen. Aber dass auch hier ein kongenialer künstlerischer Ideentransfer stattgefunden hat, steht außer Frage. Und eine solche Musik müsste doch auch Miró gefallen haben – oder?

"Ich bin nicht sicher. Ich kann mir auch vorstellen, dass er’s total daneben findet." (lacht)

Denn der Maler war eher Bach-affin – für Jazz hatte er scheinbar wenig Sinn, wie das filmische Dokument eines Aufeinandertreffens mit Duke Ellington nahelegt.

"Weil Ellington spielt an einer Eröffnung einer Miró-Ausstellung. Und Miró ist dann da und hört sich das an, und Duke Ellington spielt im Trio diesen Blues und Miró verzieht keine Miene, also man hat so den Eindruck, es reißt ihn nicht so vom Hocker, irgendwie."

Was aber letztlich völlig unwichtig ist. Wichtig ist, dass Tschopp mit seinem ersten Album ein großer Wurf gelungen ist, den man gleich doppelt genießen kann: als synästhetische Brücke zwischen Malerei und Musik oder eben als intelligenten kontemporären Jazz.

CD "Matthias Tschopp Quartet plays Miró"
Unit Records, Basel 2013
ca. 52 Minuten

Mehr zum Thema:

Webseite des Künstlers Matthias Tschopp

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