"Maifliegen" von Andrew O'Hagan

Jugendliches Aufbegehren und die Kontrolle über das Leben

06:03 Minuten
Cover des Buches "Maifliegen" von Andrew O'Hagan
© Ullstein

Andrew O'Hagan

MaifliegenUllstein, Berlin 2026

336 Seiten

24,99 Euro

Von Rainer Moritz |
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Musik, Rausch und Freundschaft: Der vielfach ausgezeichnete Schotte Andrew O'Hagan inszeniert einen wilden Trip durch Thatcher-Britannien. Der Zeitsprung und das Erzählen vom selbstbestimmten Sterben erweisen sich aber als nicht tragfähig.
Die Stimmung ist gereizt, ja verzweifelt. Margaret Thatchers rigorose Politik hat Großbritannien erschüttert, und für diejenigen, die ihre Arbeit verloren haben, gibt es oft keine Zukunft mehr. So auch in der schottischen Kleinstadt Irvine, wo die arbeitslos Gewordenen zwar als Helden gefeiert werden, doch ohne Perspektive im Pub ein Pint nach dem anderen trinken.
Im Sommer 1986 setzt O’Hagans Roman "Maifliegen" ein. Die rebellische Jugend von Irvine will sich nicht unterkriegen lassen und schafft sich eine eigene Welt. Man träumt von Anarchie, ein bisschen von Revolution, löst sich mal freiwillig, mal unfreiwillig aus den einengenden Familien. „Jungsein“, heißt es lapidar, „ist eine Art Krieg, und der große Gegner ist die Erfahrung.“

Ein Leben in Zitaten

Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt: der 18-jährige Jimmy, Noodles genannt, der von einer Lehrerin dazu gebracht wird, die Weltliteratur für sich zu erobern; und der zwei Jahre ältere Tully, der einen Gelegenheitsjob hat, der ihn anödet. Die beiden und ihr aus skurrilen Charakteren bestehender Freundeskreis eint der Hass auf alle Herrschenden und die Leidenschaft für Musik, Filme, Serien und Fußball.
Die – oft komischen – Dialoge setzen sich aus Zitatklassikern zusammen; man hat keine Mühe, stundenlang darüber zu streiten, was die wichtigsten Tore sind, die jemals im schottischen Fußball erzielt wurden, und sinniert darüber nach, welche kleinen Ereignisse die großen der Weltgeschichte auslösen. Vor allem aber ist es die Musik, die die Ahnung eines anderen Lebens gibt, die Indiemusik, die nichts mit dem Mainstream zu tun haben darf.

Musikfestival in Manchester

Kein Wunder, dass die Clique alles stehen und liegen lässt, als in Manchester ein großes Musikfest ihrer Halbgötter stattfindet – mit The Smiths und ihrem Sänger Morrissey, dem "Propheten der Freiheit". O’Hagan beschreibt dieses Wochenende voller Kuriositäten, Alkohol- und Drogenabstürzen und einer eher kläglichen Suche nach Sex in großer, zu großer Ausführlichkeit. Die ermüdenden Exzesse enden abrupt, als der zweite Romanteil einsetzt, der 2017 spielt. Aus den wilden Rebellen der 80er-Jahre sind keine feisten Mitglieder des Establishments geworden, doch das jugendliche Aufbegehren von einst verläuft inzwischen in geregelten Bahnen.
Aus Jimmy ist ein Schriftsteller geworden, und Tully hat sich zum Lehrer hochgearbeitet. O’Hagan belässt es jedoch nicht dabei, eine Art Klassentreffen nach vielen Jahren zu inszenieren, wo die alten Träume auf ihre Haltbarkeit geprüft werden. Sein Roman erhält plötzlich eine neue, tiefergehende Dramatik: Tully bekommt einen Tumor in der Speiseröhre diagnostiziert, der bereits die Leber angegriffen; sein Krebs verheißt eine Lebenserwartung von nur noch wenigen Monaten.

Die Kontrolle behalten

In schnellen Erzählsequenzen, die einen ganz anderen Ton als der erste Romanteil anschlagen, geht es um Freundschaft, um die Momente, wo sie auf die Probe gestellt wird. Denn Tully spielt, nachdem er in einem rauschenden Fest seine Freundin Anna geheiratet hat, mit dem Gedanken, in der Schweiz Sterbehilfe zu bekommen. Er will bis zuletzt die Kontrolle über sein Leben behalten.
"Maifliegen" weist viele gewinnende, anrührende und komische Passagen auf, die den Figuren scharfe Konturen verleihen. Doch so ausufernd die erste Hälfte geraten ist, so wenig überzeugend ist die Hinführung zu Tullys Entscheidung, über seinen Todeszeitpunkt selbst zu verfügen. Damit bleibt "Maifliegen" ein unentschlossenes Buch, dessen Konstruktion sich vor allem gegen Ende als wenig tragfähig erweist.
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