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Studio 9 | Beitrag vom 31.10.2014

MahlzeitBedenklicher schwarzer Tee

Stiftung Warentest bemängelt schädliche Rückstände in Schwarztees

Von Udo Pollmer

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Eine Tasse Ceylon-Tee, zubereitet mit einem Tee-Ei (picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Eine Tasse Ceylon-Tee, zubereitet mit einem Tee-Ei (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Die Stiftung Warentest warnt die Verbraucher vor krebserregenden Stoffen in schwarzem Tee. Udo Pollmer ruft zu Gelassenheit auf. Viele der Stoffe kämen nur in unbedenklichen Spuren vor. Aber es wurde auch ein echtes Gift gefunden.

Stiftung Warentest beklagt in ihrer aktuellen Ausgabe unerwünschte Rückstände in Schwarztees. Manche Schadstoffe seien gar "in hoher Dosis" enthalten und zu allem Überfluss auch noch "krebserregend". Müssen jetzt passionierte Teetrinker ihren Konsum auf ein Tässchen am Tag reduzieren oder gleich die gewohnte Dosis durch eine Kanne heißen Wassers ersetzen?

Unter den Rückständen im Tee sind rein mengenmäßig Mineralöl-Bestandteile an erster Stelle zu nennen. Sie waren mit bis zu drei Milligramm pro Kilo vertreten. Mineralöl gehört in den Tank und nicht in die Tasse. Zum Glück sind diese Verunreinigungen nicht wasserlöslich und bleiben deshalb an den Blättern und Filtern haften. Das fertige Getränk ist frei davon. Wer als Verbraucher weniger Mineralöl zu sich nehmen will, sollte einfach Recyclingpapier meiden, denn das ist die wichtigste Quelle.

Hohe Belastung mit polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen

Brisanter sind die PAK, die polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe. Sie entstehen bei Verbrennungen. Stiftung Warentest fand bis zu 0,3 Milligramm pro Kilo. Da ist sogar unsachgemäß Schwarzgeräuchertes geringer belastet. Laut der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA sind die wichtigsten Quellen von PAK aber weder Schwarztees noch Schinken, sondern Cerealien wie Frühstücksflocken und Vollkornbrot, gefolgt von Fisch und Meeresfrüchten.

An dritter Stelle stehen Blattgemüse. Zwar sind deren Gehalte durchweg niedriger als im Tee – aber von den genannten Speisen wird viel mehr konsumiert. Wer PAK meiden möchte, sollte lieber auf Zigaretten, Räucherfisch und Grünkohl verzichten. Letzterer kämmt mit seiner krausen Oberfläche die Schadstoffe aus der Luft.

Auch grüner Tee ist belastet

Ein neues Fundstück ist das Anthrachinon: Mit maximal 0,08 Milligramm pro Kilo Tee handelt es sich allerdings nur um Spuren. Die Chemikalie dient normalerweise zur Herstellung von Papier und Farbstoffen. In der Landwirtschaft war es lange als Vogelabschreckmittel in Gebrauch – um Saatgut und Früchte vor den Schnäbeln des Federviehs zu schützen.

Dabei sind Anthrachinone von Natur aus in Gemüsen wie Linsen, Erbsen, Bohnen, Kohl und Kopfsalat vertreten: Meist nur in Spuren, doch wurden schon bis zu 36 Milligramm pro Kilo nachgewiesen. Das ist 500 Mal mehr als im Schwarztee. Auch in Kräuterschnäpsen sind sie nachweisbar, vermutlich weil sich Kräuter damit vor Schädlingen schützen. Früher wurden anthrachinonhaltige Pflanzen als Arznei verabfolgt – manche wie z.B. Sennesblätter verursachen Durchfall und sind damit probate Mittel gegen Verstopfung.

Anthrachinon soll ebenso wie die PAK durch Verbrennungsprozesse bei der Trocknung in den Schwarztee geraten sein. Doch wer nun glaubt, auf grünen Tee ausweichen zu können, ist noch lange nicht auf der sicheren Seite, wie das Beispiel Acrylamid zeigt. Schwarztee ist praktisch frei davon – im Gegensatz zu den belasteten grünen Tees. Man sieht: Durch geschickte Auswahl der untersuchten Stoffe lässt sich nahezu jedes Lebensmittel an den Pranger stellen oder als "empfehlenswert" bewerten.

Echte Gefahr: Pyrrolizidine

Wirklich brisant ist ein anderer Fund im Tee: Die Pyrrolizidine – mit Gehalten von bis zu einem halben Milligramm pro Kilo. Das sind natürliche Gifte, die vor allem unsere Leber angreifen. In Teeblättern haben sie rein gar nichts zu suchen, da sie nach Angaben des Bundesinstitutes für Risikobewertung vollständig ins Getränk übergehen.

Wie konnten die Pyrrolizidine überhaupt in den Tee gelangen? Erstens über Unkräuter, die bei maschineller Ernte einfach "mitgepflückt" wurden oder durch unzureichend gereinigte Trocknungsanlagen, Lagerräume oder Transportbehälter. In Asien werden nach wie vor pyrrolizidinhaltige Kräuter verarbeitet, die in Europa längst tabu sind.

Übrigens: Pestizide hat Stiftung Warentest so gut wie keine entdeckt. Dank der Fortschritte in der Analytik dreht sich das Karussell der Schadstoffe immer weiter. Der Verbraucher profitiert, solange echte Risiken wie Pyrrolizidine im Vordergrund stehen und der Leser nicht mit belanglosen Spuren beunruhigt wird. Mahlzeit!


Literatur:
Mueller SO et al: Occurrence of emodin, chrysophanol and physcion in vegetables, herbs and liquors. Genotoxicity and anti-genotoxicity of the anthraquinones and of the whole plants. Food & Chemical Toxicology 1999; 37: 481-491

Huxtable RJ: Human health implications of pyrrolizidine alkaloids and herbs containing them. In: Cheeke PR (Ed): Toxicants of Plant Origin. CRC, Boca Raton 1989; I: 41-86

EFSA: Scientific Opinion of the Panel on Contaminants in the Food Chain: Polycyclic aromatic hydrocarbons in food. EFSA Journal 2008; e724: 1-114

Friedman M, Mottram D: Chemistry and Safety of Acrylamide in Food. Springer Science & Business Media, 2006

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandfunk, Verbrauchertipp, 23.10.2014)

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