Magdalena Schrefel: "Das Blaue vom Himmel"

Eine Welt im Hitzekollaps oder ohne offenen Himmel

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Das Cover des Buches "Das Blaue vom Himmel" von Magdalena Schrefel
© Suhrkamp Verlag

Magdalena Schrefel

Das Blaue vom HimmelSuhrkamp Verlag, Wien 2026

268 Seiten

24,00 Euro

Von Wiebke Porombka |
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Magdalena Schrefel hat mit „Das Blaue vom Himmel“ einen Umweltroman geschrieben, in dem dank einer Biotechnik-Maßnahme die Erderwärmung aufgehalten werden konnte. Verwoben wird das mit einer Familiengeschichte mit vielen Leerstellen.
Im Grunde ein beruhigendes Szenario, das Magdalena Schrefel in ihrem ersten Roman, der in einer unserer Gegenwart sehr ähnlichen Zukunft spielt, entwirft: Dank einer Biotechnik-Maßnahme kann die Erderwärmung aufgehalten werden.
Vereinfacht gesagt: Durch Schwefelpartikel, die in die Atmosphäre geleitet werden, bricht sich das Licht anders, so dass auf der Erde weniger Wärme entsteht. Der Haken an der Sache: Das Blau des Himmels verschwindet durch diesen technischen Eingriff ebenfalls.
Was Magdalena Schrefel in „Das Blaue vom Himmel“ durchspielt, hat allerdings weniger mit den technischen Vorgängen zu tun als mit der Frage, welche Bedeutung Kunst in einer zunehmend von Katastrophen bestimmten Gegenwart noch für sich geltend machen kann oder sollte – eine Frage, die auch schon in ihrem Erzählband „Brauchbare Menschen“ über die Zumutungen, denen der Mensch in der hochkapitalisierten Arbeitswelt ausgesetzt ist, zur Sprache kam.
Hannah, die Protagonistin und Ich-Erzählerin von „Das Blaue vom Himmel“, Mitte dreißig und weitgehend bindungslos, engagiert sich in einem Kunstprojekt, das dem schwindenden Blau des Himmels begegnen will: durch ausgestellte Objekte, vor allem aber durch Interviews, in denen beliebige Gesprächspartner alles über das Himmelsblau erzählen sollen, was ihnen spontan einfällt.
Kaum überraschend, dass die Geschichten, die Hannah erzählt werden, weniger mit dem konkreten Blau zu tun haben als mit Verlusten aller Art, mit Erinnerungen. Und auch mit leisen Utopien. So wie jene von Pauline P., die die eine Hälfte des Jahres in der Stadt, die andere im Haus der Großmutter auf dem Land lebt:

Als erste Frau im Tal hat meine Oma ihren Führerschein gemacht, was nicht heißt, dass sie fortschrittlich war, bloß dass sie wusste, dass man damit eben weiterkommt. Mein Opa hingegen, der konnte nicht Autofahren, was für einen Mann seiner Zeit irgendwie komisch war, eine Angelegenheit, zu der ich ihn gerne noch befragt hätte. Aber als er starb, da war ich vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und mit anderen Dingen beschäftigt. Meine Oma ist danach merklich aufgeblüht. Und sie lebte auch noch lange. Ihre große Leidenschaft galt dem Kino, also hat sie sich nach dem Tod ihres Mannes einen Traum erfüllt, den sie schon lange gehegt haben muss: Für jeden Sommer hat sie eine Lizenz erworben, um im Hof hinter ihrem Gasthaus Filme zu zeigen.

Das Fehlen der Mutter: eine große Leerstelle in der kleinen Familie

Mehr noch aber als die Verluste und Erinnerungen von Fremden sind es Hannahs eigene Erinnerungen, die durch die Arbeit für das Kunstprojekt in Gang gesetzt werden, was auch damit zusammenhängen mag, dass sie – gleich zu Anfang von „Das Blaue vom Himmel“ – ihre Schwester Vera vor das Mikrofon lädt.

'Weißt du noch, die Ameisen‘, sagt meine Schwester plötzlich, und ich: ‚Welche Ameisen?‘ ‚Das weißt du nicht mehr, dass es zu Hause immer Ameisen gab, den ganzen Sommer lang ?‘
Sie sieht mich an, verschränkt die Arme vor der Brust, ihr Blick jetzt vorwurfsvoll. Dann greift sie nach dem Glas, das links vom Aufnahmegerät steht, und trinkt einen Schluck. 'Das hat im Frühling angefangen, und erst wenn der erste Frost gekommen ist, hat es wieder aufgehört. Die Ameisen haben unsere Wohnung immer und immer wieder – heimgesucht‘, sagt sie nach einer kaum merklichen Pause. Als wäre unsere Kindheit der Ort einer biblischen Plage gewesen. ‚In Beschlag genommen, meine ich.‘

Hannah und Vera sind mit dem Vater allein aufgewachsen – die Mutter hat die Familie verlassen, als die Mädchen noch klein waren. Kontakt besteht keiner. Diese Lücke ist die große Leerstelle in der kleinen Familie, über die in der Vergangenheit zumeist geschwiegen wurde.
Die Erinnerung an die Ameisen – also an eine potenzielle Verwahrlosung der heimischen Wohnung – offenbart, dass das Miteinander von Vater und Töchtern nicht immer idyllisch gewesen sein muss oder jedenfalls von Vera nicht so erinnert wird, obgleich die Schwestern anerkennen, wie fraglos der Vater, der sich passenderweise beruflich mit meteorologischen Statistiken beschäftigt, seine Rolle als Alleinerziehender angenommen hatte. Nun, wo die Töchter erwachsen sind, stehen die drei wie recht traurige Solitäre nebeneinander.

Diffuse Bedrohung und ein Gefühl des Ausgesetztseins

Magdalena Schrefel erzählt unaufgeregt, in einem stillen, beinahe erschöpft anmutenden Ton, mitunter wird durch eine überraschende Interpunktion eine Zäsur gesetzt, die Dynamik erzeugt. Das verdichtet sich zu einer Atmosphäre der diffusen Bedrohung und des Ausgesetztseins, die noch einmal gesteigert wird durch das globale Untergangsszenario im Hintergrund: Eine Welt entweder im Hitzekollaps oder ohne offenen Himmel. Und doch besteht bei Schrefel Hoffnung immerhin auf die Verhinderung des Schlimmsten.
Dann wieder gibt es Passagen, die präzise ästhetische Fragen reflektieren, wodurch dem Roman das eingeschrieben wird, wonach ihm auf Handlungsebene gelegen ist: eine gewisse Kühle. Was vor allem nachklingt, sind deshalb gerade die wohl bewusst im Vagen gelassenen Passagen des Romans: Die Frage etwa, was das offenbar ehemals enge Verhältnis von Vater und Töchtern brüchig hat werden lassen.
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