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Zeitfragen | Beitrag vom 13.03.2019

Märzkämpfe 1919 in BerlinEin Schießbefehl mit fatalen Folgen

Moderation: Winfried Sträter

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Auf dem Brandenburger Tor liegen Soldaten in Schießposition. Auf dem Platz darunter sieht man in der Menschen. (picture alliance / imageBROKER / Rosseforp)
Straßenkampf im März 1919 unter dem Brandenburger Tor in Berlin. (picture alliance / imageBROKER / Rosseforp)

Im März 1919 erließ SPD-Politiker Gustav Noske in Berlin einen Schießbefehl, in dessen Folge mehr als 1000 Menschen ums Leben kamen. Dieser Gewaltexzess erkläre auch die Gewalt in NS-Deutschland, meint der irische Historiker Mark Jones.

Im März 1919 erließ der militärische Oberbefehlshaber der SPD-geführten Reichsregierung einen Schießbefehl, um gegen streikende Arbeiter und aufständische Linksextremisten vorzugehen. Noskes Truppen richteten daraufhin ein Blutbad in Berlin an. Innerhalb weniger Tage wurden weit mehr als Tausend Menschen getötet, darunter viele unbeteiligte Bewohner Berlins.

Der irische Historiker Mark Jones, Autor des Buches "Am Anfang war Gewalt", sagt im Deutschlandfunk Kultur, das von Noske befohlene gewaltsame Vorgehen habe die Eskalation provoziert, aber Noske habe damals unter Druck gestanden. Die bürgerliche Presse habe ihn kritisiert:

"Endlich mal wird richtig hart gehandelt, endlich mal wird aufgeräumt mit der Bedrohung von links."

"Es gab sehr viele Radikalisierungsprozesse"

Es sei kein Bürgerkrieg im traditionellen Sinne gewesen, aber es habe eine bürgerkriegsähnliche Mentalität gegeben, betont Jones:

"Wir sollten keinen einzelnen Sündenbock suchen. Das führt zu nichts. Wir sollten auch nicht sagen, es ist eine Partei an allem Schuld gewesen. Es gab sehr viele Radikalisierungsprozesse, die miteinander verbunden waren und die die Lage zugespitzt haben."

Drei Soldaten stehen verbarrikadiert mit Gewehren in Position. (picture alliance / imageBROKER / Rosseforp)Der Historiker Mark Jones sieht eine Verbindung zwischen der Gewalt von 1919 und ab 1933. (picture alliance / imageBROKER / Rosseforp)
Es sei eine Zeit der Nervosität gewesen, und die Sozialdemokraten hätten unter enormem Druck wegen des russischen Bürgerkriegs gestanden. Sie hätten eine Botschaften aussenden müssen, dass es nicht wie in Russland zu einem Bürgerkrieg kommen werde, so Jones.

"Und in dieser Lage war die Botschaft: Gewalt! Gewalt des Staates."

Die langfristigen Wirkungen der Gewalt

Mark Jones Jones sieht vielmehr auch die langfristigen Wirkungen, die diese Gewalt-Eskalation für die spätere deutsche Geschichte hatte:  

"Ich denke an das Jahr 1942, das ist ein Schlüsseljahr der deutschen Geschichte. Anfang 1942 sind die meisten Juden Europas am Leben. Und am Ende dieses Jahres ist das nicht mehr der Fall."

Beim Einmarsch deutscher Truppen in Polen am 01.09.1939 reißen Soldaten der deutschen Wehrmacht einen rot-weißen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze nieder. (picture alliance/A0009_dpa)1939 Überfall auf Polen: Der sprachlichen Gewalt folgte die militärische Gewalt. (picture alliance/A0009_dpa)
Jones verweist auf die Radikalisierungen seit dem Novemberpogrom 1938 und geht einen Schritt weiter, indem er nach den Radikalisierungsprozessen von 1919 fragt. Am Anfang habe die Radikalisierung der Sprache gestanden:

"Das Wort Bestien in Menschengestalt findet man in den Zeitungen und in der Propaganda der Regierung im März 1919. Schaut man auf die Worte, die benutzt worden, um den Einmarsch in Polen 1939 zu rechtfertigen: die Polen wurden auch als Bestien in Menschengestalt beschrieben. Es ist die gleiche Wortwahl. Das ist kein Zufall!"

Die Demokratie hatte Überlebenschancen

Jones sagt trotzdem, es habe keine direkte Kontinuitätslinie gegeben. Weimar sei keine Demokratie ohne Demokraten gewesen. Es habe Überlebenschancen für die Demokratie gegeben. Aber Gewalt sei in die politische Kultur integriert worden, am Anfang durch Gustav Noske:

"Er rechtfertigt seinen Schießbefehl mit der Begründung, dass, wenn der Staat es braucht, sind die Gesetze nicht wichtig. Nur die Macht zählt."

In dieser Hinsicht sieht Mark Jones eine Verbindung zwischen der Gewalt von 1919 und ab 1933:

"Man weiß: der nationalsozialistische Staat wurde auf Gewalt gegründet. Und man fragt sich: Wie ist es möglich, dass die Gesellschaft das sofort akzeptiert hat? Wie war es möglich, dass die Kirchen, die Gewerkschaften, alle möglichen oppositionellen Gruppen das toleriert haben, dass es zu ersten Konzentrationslagern gekommen ist? Man kann das besser verstehen, wie das alles möglich gewesen ist, wenn man zurückschaut und sagt: 1919 war ein anderer Staat in der Lage, auch Gewalt auszuüben, um die Staatsgründung durchzuführen."

(wist)

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