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Tonart | Beitrag vom 08.12.2020

Männliche RapperVerletzlichkeit als Gegennarrativ

Alex Barbian im Gespräch mit Oliver Schwesig

Lil Peep im Pailletten besetzten Sakko auf der Fashion Week. (Gettyimages / Edward Berthelot)
Der Rapper Lil Peep gilt als Gallionsfigur des Emo-Rap. 2017 starb er an einer Überdosis Drogen. (Gettyimages / Edward Berthelot)

Männlichkeit war im Hip-Hop lange Zeit streng definiert. Stark, prollig, mächtig, unerschrocken musste er sein, der respektable Rapper. Eine junge Generation schafft sich nun eine neue Identität, die Raum für Verletzlichkeit lässt.

Große Rapper haben sich traditionell gerne als gottgleiche Gewinnertypen inszeniert. Dicke Oberarme und Statussymbole als Ausdruck ihrer Überlegenheit, wüste Drohansagen gegen die Konkurrenz und andere maskuline Posen schienen in der Szene lange Zeit besser anzukommen, als die Preisgabe eigener Schwächen oder innerer Leere.

Ein Rapper steht im Regen und zieht blank

Das zweite Album des Berliner Rappers Sero trägt den Titel "Regen" und schlägt in eine andere Kerbe: Er offenbart Selbstzweifel, gibt sich angreifbar und zieht emotional blank. Musikjournalist Alex Barbian versteht die Platte insgesamt als Reflexion von negativen Gefühlswelten. Die Auseinandersetzung mit Herzschmerz, Einsamkeit und einem diffusen Selbsthass spiele eine zentrale Rolle in fast allen Songs.

Damit stehe Sero aber bei weitem nicht allein da: Die Fokussierung auf schwere Themen und diese nachdenkliche, fast depressive Attitüde sei zum übergreifenden Merkmal einer neuen Generation von zwanzig- bis dreißigjährigen Rappern geworden.

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Es gebe inzwischen eine ganze Reihe von Künstlern, deren Musik im weitesten Sinne als Emo-Rap bezeichnet werden könne, so Barbian. In vorderster Front sieht er im deutschsprachigen Raum Sierra Kidd und Edo Saiya. Die beiden beschäftigen sich in ihren Songs mit ähnlichen Themen wie Sero auf "Regen". Sie greifen zum Beispiel auch immer wieder tragische Liebesgeschichten auf, die sie - auffallend selbstkritisch - auf Augenhöhe und höchst emotional auserzählen.

Für Barbian unterscheiden sich diese Künstler von Sero. Sie seien viel eindeutiger am amerikanischen Markt orientiert: mehr Stimmverzerrung, mehr Melodie, mehr Anglizismen, mehr bewusste Übersteuerung und - im Gesamtbild - noch deutlicher greifbarer Schmerz. Auch seien ihre musikalischen Vorbilder nicht im Genre Rap zu finden.

Rap trifft auf Grunge, Post-Punk und Indie-Rock

In den USA sei ab etwa 2016 eine neue Bewegung auf der Online-Musikplattform Soundcloud entstanden, die Elemente aus den Hochzeiten des Grunge, des Post-Punk und des Indie-Rock mit Rap-Texten vermengt habe, erklärt Barbian. Diese Musik sei oft sehr instinktiv entstanden, enthalte ungewohnt große Gesangsanteile und klinge durch Stimmverzerrer, Hall und flächige Gitarrenriffs im Hintergrund absichtlich dreckig.

Einer der wichtigsten Vertreter dieses neuen Emo-Rap sei Lil Peep. Er ist 2017 auf tragische Weise an einer Überdosis verschiedener Betäubungsmittel verstorben. Seine Songs, sein offener Umgang mit seelischem Schmerz, aber auch sein punkig-schrilles Erscheinungsbild - bunt gefärbte Haare und Gesichtstattoos - haben in den letzten Jahren viele junge Rapper aus Deutschland inspiriert, so Barbian.

Schwäche zeigen als Selbstermächtigung

Barbian sieht durch die gefühlsbetonten Gesangseinlagen oder den Gebrauch der Kopfstimme durch Emo-Rapper die bisher vorherrschenden Männlichkeitsbilder im Rap in Frage gestellt. Für ihn bilden die Emo-Rapper ein Gegenmodell zur klassisch-machistischen Vortragsweise älterer Rapper-Generationen.

Wie einem die grüblerischen Texte und die offen kommunizierte Neigung zur Selbstzerstörung gefalle, sei Geschmackssache, meint Barbian, aber in der Szene würden sie inzwischen weitestgehend akzeptiert. Das sei zu Zeiten von Casper, der noch vor ungefähr zehn Jahren mehr im hämischen Ton als Emo-Rapper bezeichnet wurde, weil er eben viel Angriffsfläche bot, anders gewesen.

Deutscher Rap hat sich aus Barbians Sicht weiterentwickelt. Kaputte Liebesbeziehungen, Suizidgedanken, Depressionen - das seien heute keine Tabuthemen mehr.

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