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Lesart | Beitrag vom 29.08.2019

Männer in der GegenwartsliteraturDer Versager als Lieblingsfigur heutiger Romane

Von Dirk Fuhrig

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Das Profil eines Mannes verschwimmt zunehmend. (imago// blickwinkel)
Der Mann in der Gegenwartsliteratur ist aus der Zeit gefallen, unfähig sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen. (imago// blickwinkel)

Sie scheitern alle, an der Moderne, an sich selbst, am ganzen Leben. In heutigen Romanen tummeln sich Loser und Jammerlappen. Sei es in Hartmut Trössners "Rückwind" oder Norbert Gstreins "Als ich jung war". Warum gibt es kaum noch richtige Helden?

Die Männer haben es nicht leicht. "MeToo" und ähnliche Debatten setzen der Männlichkeit zu. Ganz abgesehen von der schon länger währenden Krise des Manns im Allgemeinen. Das zeigt sich auch in der Literatur. Zu diesem Schluss kann man durchaus kommen, wenn man sich die literarische Produktion dieses Frühjahrs und Sommers anschaut.

Der Mann im Roman – er scheitert, an sich selbst, an der Gesellschaft, am Leben. Echte Helden gibt es derzeit kaum mehr. Viele Bücher der Saison erzählen von abgewrackten, hoffnungslosen Typen, die mit sich und der modernen Welt nicht klarkommen. Generationenkonflikte, also jung gegen alt, werden von den alten Männern zum Beispiel gar nicht erst angegangen. Man wehrt sich nicht.

Schlaffheit, Antriebslosigkeit, Depression sind die Zustände, die sich bei den Protagonisten zuallerst beobachten lassen. Insgesamt scheint Endzeitstimmung bei den Romanhelden zu herrschen - und nicht nur in Deutschland.

Der gedemütigte Schaufensterdekorateur

Ein paar Beispiele: Einer der herrlichsten Scheiterer am Leben ist Herr Stettler aus Alain Claude Sulzers Roman "Unhaltbare Zustände". Stettler ist Schaufensterdekorateur im führenden Kaufhaus einer Schweizer Kleinstadt. Korrekt, absolut zuverlässig, perfektionistisch – solange, bis ein Junger kommt, der ihn in der Firma ablöst. Stettler wird einfach beiseite gedrängt.

Die neue Zeit, Ende der 60er-Jahre, mit ihren schillernden Reizen geht über ihn hinweg, lässt ihn als Verlierer dastehen. Er ist ein Loser, der nichts machen kann gegen die rebellische Jugend, die vom profitorientierten Kaufhausbesitzer natürlich gefördert wird.

Am Ende stellt er sich selbst nackt in seiner ganzen gealterten Hässlichkeit im Schaufenster aus: der gedemütigte Mann in höchster Vollendung. Er scheitert an der Moderne, an der Veränderung, am Fortschritt und an sich selbst.

Jammerlappen mit Tiefgang

Oder Franz aus dem Roman "Als ich jung war" von Norbert Gstrein. Hier schleicht sich auch die "MeToo"-Debatte rein. Missbrauch an ihm und von ihm spielt eine Rolle. Aber letztendlich scheitert er an seiner Unfähigkeit, sich zu entscheiden, irgendwas anzupacken, und treibt so dahin zwischen Tirol und den nordamerikanischen Bergen. Franz ist ein Jammerlappen mit Tiefgang.

Oder Hartmut Trössner aus "Rückwind" von Burkhard Spinnen*). Der ist lange Zeit ein Muster-Erfolgreicher, aber verliert an einem Tag plötzlich alles. Sein Scheitern ist komplett: beruflich, familiär, finanziell. Wobei hier Scheitern schon fast Chance ist, denn er rappelt sich wieder auf, versucht es jedenfalls mit aller Kraft.

Gescheitert an der Moderne

Das Phänomen des Schlaffi-Helden ist nicht nur der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu beobachten. Frankreichs berühmtester lebender Autor schreibt schon länger über die geborenen Verlierer. Michel Houellebecqs Held Florent aus "Serotonin" scheitert am ganzen Leben, an der Moderne, an den Frauen. Er klammert sich an das letzte Attribut der Männlichkeit: einen SUV deutscher Provenienz – und auch den machen ihm die Umweltaktivisten natürlich madig.

Auch hier sieht man wieder: Der Mann von heute ist aus der Zeit gefallen, unfähig sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Florent ist die schrillste Loser-Type, ein Mann zum Lachen.

Aber auch der Protagonist aus dem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman "Wie später ihre Kinder" von Nicolas Mathieu ist ein schon im jugendlichen Alter Gescheiterter. Anthony, gefangen in seiner Herkunft auf dem Lande, streckt sich nicht mal nach der Decke. Komplett paralysiert, schlaff und antriebslos, hoffnungslos in provinziellen Befindlichkeit gefangen. 

Wo bleiben die jammernden Frauen?

Aber was heißt das für die Literatur? Ist diese männerfeindlich, macht sie sich über das Mannsbild an sich lustig? Man kann sagen: Männer eignen sich einfach besser als negative Helden, Versager. Natürlich ist der männliche Held immer schon zum Scheitern verurteilt im Roman – siehe Don Quijote de la Mancha. Die Literaturgeschichte ist voll davon. Das Phänomen ist nicht ganz neu, aber es zeigt sich zur Zeit wieder sehr geballt. Heute kommt sicher auch dazu, dass das Heroische nicht mehr zeitgemäß ist.

Ganz sollte man das Jammern aber nicht den Männern überlassen. In Zeiten der Gleichberechtigung dürfen auch scheiternde Heldinnen nicht fehlen. Auch hier gibt die französische Literatur den Trend vor: In Maylis de Kerangals "Eine Welt in den Händen" treibt eine junge Frau ebenso ziellos durch das Leben wie die Männer in den genannten Romanen. Sie will eigentlich Künstlerin werden, dafür ist sie anscheinend zu untalentiert – und wird nur Dekorationsmalerin, richtet sich also in der Mittelmäßigkeit ein. Auch Sie: eine Scheiternde, eine echte Loserin.

Erwähnte Literatur:

Norbert Gstrein: "Als ich jung war"
Hanser, München 2019, 352 Seiten, 23 Euro
 
Michel Houellebecq: "Serotonin"
Dumont, Köln 2019, 24 Euro

Nicolas Mathieu: "Wie später ihre Kinder"
Hanser Berlin, Berlin, 448 Seiten, 24 Euro 

Burkhard Spinnen: "Rückwind"*)
Schöffling, Frankfurt am Main 2019, 400 Seiten, 24 Euro

Alain Claude Sulzer: "Unhaltbare Zustände"
Galiani Berlin, Berlin 2019, 272 Seiten, 22 Euro
 
Maylis de Kerangal: "Eine Welt in den Händen"Suhrkamp, Berlin 2019, 269 Seiten, 22 Euro


*) Wir haben an diesen Stellen die bibliografischen Angaben präzisiert.

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