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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 10.06.2015

Machtkampf in der OstukraineErmordung kritischer Separatisten-Kommandanten

Von Florian Kellermann

Eine Ukrainerin hält bei dem Referendum eine russische Fahne hoch. (AFP)
Eine Ukrainerin hält bei dem Referendum eine russische Fahne hoch. (AFP)

Unter den Separatisten in der Ostukraine herrscht ein Machtkampf. Einige Kommandanten, die sich öffentlich gegen die Führung der "Volksrepublik Luhansk" aussprachen, wurden ermordet. Egal, wer die Täter sind: Die Mordserie an den Kritikern hilft der Luhansker Führung.

Vor einem Jahr war Philipp noch Chauffeur. "VIP-Chauffeur", fügt der Mann im Tarnanzug hinzu. Sein damaliger Arbeitgeber ist aus dem Donezbecken geflohen - und Philipp machte Karriere. Er ist heute Militärkommandant der kleinen Stadt Debalzewe und lässt sich einfach "Kommandant Phil" nennen.

"Ich habe meine Arbeit aufgegeben - und auch meine Frau und mein Kind zurückgelassen. Ich habe meine Jägerkleidung angezogen und bin einem Freiwilligenbataillon beigetreten. Drei Tage später habe ich schon im Schützengraben gelegen. So wie mir ging es 90 Prozent von uns, nur zehn Prozent haben schon vorher irgendwo gedient, in der Polizei oder anderen Einheiten des Innenministeriums."

Phil wollte nicht, dass die Ukraine sich nach Westen wendet und die enge Verbindung zu Russland verliert. Deswegen zog er in den Krieg für die Separatisten – wie anfangs nur wenige im Donezbecken. Ihr damaliger Anführer Igor Strelkow war russischer Offizier, offiziell im Ruhestand. In Videobotschaften bat er die Bevölkerung beinahe verzweifelt, sich den Bataillonen anzuschließen.

Das sei heute anders, beteuern die Separatisten. Es meldeten sich mehr als genug Freiwillige. Dazu trägt sicher auch die schlechte wirtschaftliche Lage im Donezbecken bei: Die Arbeitslosigkeit steigt. Kommandant Phil räumt ein, dass sich auch Russen anschließen, sogar aus Sibirien.

Viel wichtiger als die bloße Zahl der Kämpfer sei jedoch deren Organisation, sagt der Kommandant:

"Gott-sei-Dank gehen wir jetzt endlich zu einer einheitlichen Kommandostruktur über, zu einer straffen Unterordnung. Bald werden wir auch Soldatenausweise ausgeben und so eine echte Armee formieren."

Zuletzt starb der Separatisten-Kommandeur Aleksej Mosgowoj

So stellte es auch Alexander Chodakowskij dar, der Vorsitzender des Sicherheitsrats der sogenannten Donezker Volksrepublik. Etwa 70 Prozent der bisher eigenständigen Freiwilligenbataillone seien inzwischen in die offiziellen Streitkräfte der Volksrepublik eingegliedert, sagt er.

"Es gibt in einigen Orten noch bewaffnete Gruppen, die sich nicht unterordnen. Wir betrachten sie als eine Gefahr für den sozialen Frieden – und entwaffnen sie. Wenn sie im Verdacht stehen, Verbrechen begangen zu haben, bringen wir sie in Untersuchungshaft."

Anders als im Bezirk Donezk ist das Bild im östlichen Teil des Donezbecken – in der sogenannten Luhansker Volksrepublik. Dort fällt es den von Russland unterstützten Anführern schwerer, die Kontrolle über das gesamte Gebiet zu erlangen. Vor allem verschiedene Kosaken-Verbände wollen sich nicht unterordnen und leisten dem Oberhaupt der Volksrepublik Igor Plotznitzkij Widerstand.

Das hat offenbar brutale Konsequenzen. In den vergangenen Monaten wurden mehrere Kommandeuren der Separatisten ermordet, die sich gegen die von Russland unterstützten Anführer aussprachen. Zuletzt starb der legendäre Separatisten-Kommandeur Aleksej Mosgowoj, nachdem sein Auto in eine professionell installierte Sprengfalle geraten war. Mosgowoj kontrollierte die Stadt Altschewsk und war ein scharfer Kritiker der Führung in Luhansk. Das galt auch für die Kommandeure Bondarenko und Bednow, die auf ähnliche Weise umkamen. Kurz vor seinem Tod sagte Mosgowoj einem Journalisten:

"Ich sehe bei uns keine einzige Partei für das Volk. Es geht den Politikern nur um ihre Geschäftsinteressen. Ich werde eine eigene Partei gründen, eine Volkspartei, mit einem Sinn für Gerechtigkeit und einem Gewissen."

Mordserie hilft der Luhansker Führung

Dazu kam es nicht mehr – Kommandeur Aleksej Mosgowoj wurde umgebracht. Von wem – dazu gibt es mehrere Versionen. Verantwortlich seien die Anführer der Luhansker Volksrepublik - möglicherweise mit Unterstützung russischer Spezialeinheiten, vermuten auch viele Anhänger der Separatisten. Eine andere These vertritt die sogenannte Staatsanwaltschaft der Volksrepublik. Sie geht von ausländischen Agenten aus, die den Anschlag verübten. Darüber hinaus bekannte sich eine ukrainische Partisanenorganisation zu der Tat.

Fest steht jedenfalls: Die Mordserie an den Kritikern hilft der Luhansker Führung, auch dort nach und nach eine einheitliche Armee zu bilden und so die Schlagkraft zu erhöhen.

Die Kämpfer an der Basis halten das auch für notwendig. Viele machen kein Hehl daraus, dass sie vom Minsker Friedensplan nicht viel halten und kämpfen wollen. So auch Kommandant Phil aus Debalzewe:

"Wir werden zumindest das gesamte Gebiet der Bezirke Donezk und Luhansk erobern. Das sind wir den Menschen schuldig, die vor einem Jahr im Referendum für die Unabhängigkeit von der Ukraine gestimmt haben. Und wenn andere Bezirke der Ukraine sich uns anschließen wollen, dann werden wir auch ihnen dabei helfen."

Der Angriff der Separatisten auf die Kleinstadt Marinka in der vergangene Woche könnte genau das gewesen sein: der Versuch der Separatisten, weitere Teile des Bezirks Donezk zu erobern.

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