Macht der Klänge

    Warum ich Musik nicht nebenbei hören kann

    04:28 Minuten
    Frau mit Kopfhörern hört Musik an (Illustration).
    Musik kann einen in "feierlichste, pathetischste und intimste Zustände" versetzen, sagt Journalist Arno Orzessek. © imago / fStop Images / Malte Müller
    Gedanken von Arno Orzessek · 28.10.2021
    Audio herunterladen
    Musik ist heutzutage zu einem ständig verfügbaren Produkt geworden. Autor Arno Orzessek verzichtet aber lieber auf die Beschallung beim Joggen, Kochen oder U-Bahn-Fahren. Zu schnell nimmt ihn die "eigentümliche Gewalt der Musik" gefangen.
    Zu den großen Vergnügen der Gegenwart gehört es offensichtlich, Musik nebenbei zu hören – teils per Kopfhörer, teils ohne. Die Leute joggen und hören nebenbei Musik. Sie lesen in der U-Bahn Zeitung und hören nebenbei Musik. Sie arbeiten am Laptop, kochen Essen oder unterhalten sich – und hören nebenbei Musik. Ich kann das nicht, ich konnte das noch nie. Aber ich bin nicht neidisch.
    Es ist nämlich so: Entweder sinkt Musik in meinen Ohren zu einem Hintergrundrauschen ab, das mich schnell stört, und ich schalte es, wenn möglich, aus – oder gar nicht erst ein. Oder ich wende mich innerlich der Musik zu – ob von Gustav Mahler, den Beatles oder Lana del Rey, ob Barock oder Rhythm and Blues spielt übrigens keine Rolle – und binnen Minuten fehlt mir die Konzentration für alles andere.
    Wenn jemand während einer Unterhaltung Musik hören will, ist das okay für mich. Ich möchte sozial unverdächtig bleiben. Aber ich überhöre die Musik dann gewollt-ungewollt. Darin habe ich Übung. Ist das eine Macke oder ein ernster psychischer Defekt, der sich therapieren lässt?
    Nun, vermutlich bin ich schlecht in Multitasking. Aber davon abgesehen, mache ich die Musik selbst verantwortlich dafür, dass sie mich ganz will oder gar nicht – oder umgekehrt, dass ich sie ganz will oder gar nicht.

    "Eine elementarische Macht"

    Vor fast 200 Jahren meinte der Philosoph und Opern-Fan Hegel, "die eigentümliche Gewalt der Musik" sei "eine elementarische Macht", die mittels Tönen den Menschen – Hegel spricht vom Subjekt – "in seinem einfachen Selbst" ergreife und in das erklingende Werk hineinhebe.
    Der hegelianische Sound klingt heute ältlich, Hegels Aussage jedoch entspricht meinem Empfinden. Musik wirkt auf mich, wie vermutlich auf die meisten Menschen, unmittelbarer als alle anderen Künste. Sie dringt ein, sie dringt durch, sie erfüllt. Sie ist von Klang erfüllte Zeit und diese Zeit ist dieselbe, in der auch wir da sind. Nur kann ich mit dem Zugriff der Musik nicht so souverän umgehen wie die meisten und ihn eben nicht nebenbei verarbeiten und genießen.
    Als Erfinder des absoluten Geistes und generell begeistert vom Geist hat Hegel die Wirkung der Musik standesgemäß ins "Zentrum des geistigen Daseins" der Musikliebhaber verlegt. Ein paar Jahrzehnte später sah das der Hegel-Verächter Friedrich Nietzsche ganz anders. Er betonte, der entscheidende Resonanzraum, in dem die Musik ihre Wirkung entfaltet, sei unser Körper – und fragte in diesem Sinne: "Was will eigentlich mein ganzer Leib von der Musik überhaupt?"

    Musik manipuliert das Bewusstsein

    Natürlich sind beide Positionen vereinbar. Musik manipuliert das Bewusstsein genauso wie den Körper – Udo Lindenberg singt vom "Rhythmus, dass jeder mit muss" –, und mich wirft dieser Umstand leicht aus der Bahn.
    Wenn ich ein paar Lieblingsstücke aufmerksam gehört habe, bin ich quasi entrückt, atmosphärisch herausgerissen, ich bin weit weg von hier. Und das passiert bei ganz unterschiedlichen Genres. Es gibt auch Schlager, die mich fortbeamen. Die höre ich aus Image-Gründen indessen nur allein im Auto auf der Autobahn – aber dort krachend laut und manchmal mit nassen Augen.
    Nach dem Musikhören nichts zu tun und den Tag verbummeln, das geht gut. Aber Texte schreiben, konzentriert lesen, die Diskurse im Radio und im Fernsehen verfolgen? Schwierig! Denn eingefangen von der Macht der Musik, kommt mir das diskursive Treiben und Vernünfteln nicht mehr wirklich überzeugend vor. Wozu das alles, wozu Worte, Logos, Ratio, wenn man per Musik derart verlässlich das volle Erleben erleben kann?

    Nur nicht außer Kontrolle geraten

    Dieser kritische Zustand geht selbstverständlich vorüber. Es lohnt sich sicher nicht, wie einst Richard Wagner die begrifflose Macht der Musik frontal gegen das Regime der Rationalität in Stellung zu bringen. Aber gut zusammen passen die beiden auch nicht, nicht für mich jedenfalls.
    Die Konsequenz: Ich höre sehr gern Musik, weil sie mich in die feierlichsten, pathetischsten und intimsten Zustände versetzt. Doch ich höre sehr wenig Musik und gehe vorsichtig mit ihr um, um nicht zum falschen Zeitpunkt außer Kontrolle zu geraten.
    Für mich gibt es im Grunde viel zu viel Musik auf der Welt. Aber wie gesagt, ich bin gut im Weghören. Das klappt sogar nebenbei.

    Arno Orzessek, geboren 1966 in Osnabrück, studierte in Köln Literaturwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte. Er arbeitet als freiberuflicher Journalist vor allem für Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur und lebt in Berlin.

    © Erik Zimmermann
    Mehr zum Thema