Schluss mit der Selbstoptimierung

    Wozu der ganze Leistungswahn?

    04:30 Minuten
    Ein Mann mit gelbem Shirt und Fahrradhelm fährt auf einer asphaltierten Strasse Rennrad
    Natürlich werde kein professioneller Radsportler auf eine Datenerhebung verzichten, meint Arno Orzessek. Aber sie störe wiederum auch die ganzheitliche Wahrnehmung des eigenen Körpers. © Imago / Westend61 / Mikel Taboada
    Überlegungen von Arno Orzessek · 18.05.2021
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    Auch beim Fahrradfahren werden mit Fitness-Apps alle Details vermessen. Und bei der persönlichen Leistungsschau kann das Streben nach Selbstoptimierung ebenfalls helfen. Doch irgendwann fragte sich Journalist und Rennradfahrer Arno Orzessek, was soll das eigentlich?
    Die Stadt lag nicht mehr weit voraus, als kürzlich ein unverschämt flotter Rennradfahrer grußlos an mir vorbeizischte. Doch ich hatte noch letzte Reserven; strampelnd erwischte ich seinen Windschatten. An der nächsten Ampel kamen wir ins Gespräch. Als ich den jungen Mann umständehalber darauf hinwies, dass ich ohne Rad-Computer fahre, meinte er – in puncto Charme mit Luft nach oben: "Das sehe ich bei so Alten jetzt oft."
    Wusste er von einem neuen Trend? Haben ergraute Rennradler die Lust am Speed verloren? Ist 'langsam' das neue 'schnell' der älteren Semester? Nun, vielleicht liegt die Sache anders. Vielleicht liegt sie so wie bei mir. Ich finde 'schnell' immer noch besser als 'langsam'. Das scheint mir die natürliche Ordnung der Dinge zu sein. Aber ich lasse mir von dem Computer an der Lenkstange keine Zahlen mehr ins Hirn brennen – ich habe seinen Bann gebrochen.

    Mehr Vertrauen in den eigenen Körper

    Unser Körper kann selbst gut rechnen: Rechnen ohne Zahlen. Deshalb fahre ich nun anders Rennrad, bewusster, achtsamer, irgendwie humaner. Hirnlose Schnellstarts mit kalten Muskeln, nur um dem blöden Computer von Anfang an den ersehnten Schnitt von soundsoviel km/h abzuringen – aus und vorbei.
    Zwanghaftes Tempo-Halten bei Gegenwind, atemlose Bergaufsprints... Wozu?, frage ich mich, wenn ich mich hinterher kraftlos ins Ziel quälen muss, weil ich dem Zahlengötzen zu kräftig gehuldigt habe. Übrigens verraten mir öffentliche Uhren, dass ich – Pi mal Daumen – nicht langsamer bin als früher. Und wäre es doch um einige Minuten, es würde mein Glücksgefühl nach drei, vier Stunden im Sattel nicht mehr beschädigen. Was sonst beim letzten zwanghaften Blick auf den Computer oft vorkam. Und bei all dem fühle ich mich wie ein lebender Gegenbeweis.


    Schließlich habe ich mich als Rennradfahrer optimiert, indem ich genau das Gegenteil von dem getan habe, was die Selbstoptimierer nicht nur in der "Quantified Self"-Bewegung empfehlen und praktizieren. Nämlich möglichst jede Zuckung des Körpers digital zu vermessen, zu speichern und auszuwerten, um das letzte Mychen Leistung aus ihm herauszuquetschen. Keine Sorge! Nur weil ich ohne Fahrradcomputer inspirierter unterwegs bin als mit, wird das hier kein kulturkritisches Lamento. Die Quantifizierbarkeit körperlicher Funktionen und Leistungen im Sport und in der Medizin ist ein Geschenk der technischen Evolution.

    Daten sind wunderbar – aber

    Natürlich wird kein professionelles Radsportteam auf penible Datenerhebung verzichten, kein Arzt, keine Ärztin auf ein großes Blutbild malader Patienten. Daten sind wunderbar. Sie bringen Ungewöhnliches, Unsichtbares und Ungefühltes ans Licht. Nur haben Daten eine angeborene Schwäche, gerade bei massenhaftem Auftreten: Sie stören die ganzheitliche Wahrnehmung zum Beispiel des Körpers und verstellen leicht den klaren Blick für Zusammenhänge.
    Wäre es anders, würde die unspezifische Frage "Wie geht es Ihnen?" im digitalisierten 21. Jahrhundert medizinisch überflüssig sein. Doch noch wird sie gestellt – und dann kommt man auf die Details. Aber bleiben wir beim Rennradfahren. Falls Sie Radrennen im Fernsehen anschauen, wissen Sie: Obwohl die Profis digital vollständig vermessene, gläserne Wesen sind, checken sie vor Attacken beim Schlussanstieg keineswegs noch einmal sämtliche Leistungsdaten.

    Im Selbstgespräch mit meinem Körper

    Nein. Wenn es drauf ankommt, attackieren sie nach der Maßgabe ihres Körpergefühls. Und wenn sie hinterher Auskunft geben, dann gern mit einem Spruch, der Datenfetischisten und "Quantified Self"-Jünger empören muss: "Ich hatte heute gute Beine". Womit nichts Objektivierbares gesagt ist – und doch das Entscheidende. Gute Beine gehören offenbar zu einer höheren Ordnung als Wattzahlen und Laktatwerte. Wohl wahr: Unser altmodischer Körper-Geist-Komplex ist den digitalen Maschinen in Sachen Datenerhebung hoffnungslos unterlegen. Aber er weiß um seine Beine, der Computer nicht.
    Und aus diesem Grund steuere ich die Belastung beim Rennradfahren im Selbstgespräch mit meinem Körper. Mein Radcomputer liegt nur noch herum. Seine Batterie ist leer. Ein schöner Anblick, der Lust macht auf die nächste Tour.

    Arno Orzessek, geboren 1966 in Osnabrück, studierte in Köln Literaturwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte. Er arbeitet als freiberuflicher Journalist vor allem für das Deutschlandradio und lebt in Berlin.



    © Erik Zimmermann
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