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Weltzeit | Beitrag vom 20.11.2019

Macau als Teil Chinas Pekings besser erzogene Sonderverwaltungszone

Von Jochen Faget

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Junge Touristen besichtigen Mount Fortress in Macao und schauen durch ein Fernrohr. (imago images / Xinhua)
"In Macau dreht sich alles um Harmonie, da wird nicht über Politik diskutiert. Weder in der Öffentlichkeit noch beim Abendessen zuhause", meint ein Vertreter der Partei Neues Macau. (imago images / Xinhua)

Nur 60 Kilometer trennen Hongkong von Macau, aber die Sonderverwaltungszonen könnten unterschiedlicher kaum sein: Hier brutale Konflikte, dort Business as usual. Auch in Macau hoffen junge Leute auf mehr Demokratie, doch es ist ein stiller Protest.

Der Leal-Senado-Platz in Macau vor knapp drei Monaten: Vom Postamt klingt das Glockenspiel, wie immer sind viele Touristen unterwegs, machen Fotos von den alten portugiesischen Kolonialhäusern, die zum Weltkulturerbe gehören – von der Santa Casa da Misericôrdia mit ihrer neoklassizistischen Fassade, der Barockkirche São Domingos weiter hinten und dem portugiesischen Rathaus, das jetzt Institut für Bürgerangelegenheiten heißt. ‚Business as usual‘, wären da nicht die vielen Polizisten, die erstaunte Passanten um ihre Ausweise bitten.

Verhaftungen bei stiller Mahnwache

Die Staatsmacht zeigte massive Präsenz, weil eine Handvoll junger Leute eine Demonstration gegen Polizeigewalt im benachbarten Hongkong angekündigt hatte.

"Es sollte eigentlich nur eine stille Mahnwache sein, aber die Polizei hat die Veranstaltung trotzdem verboten. Am Schluss standen mehr Polizisten in Zivil herum als Bürger. Die haben Leute ganz willkürlich und grundlos verhaftet."

Scott Chiang sitzt an seinem Küchentisch. (Jochen Faget)Scott Chiang gehört zur ‚Associação Novo Macau‘, auf Deutsch Neues Macau, einer Art Partei, die sich für mehr Demokratie einsetzt. (Jochen Faget)

Scott Chiang sitzt in seiner kleinen Wohnung im Stadtteil São Lourenço. Es ist ein eher graues, trostloses Viertel in der Altstadt, in dem vor allem Chinesen leben. Scott ist zurzeit Hausmann, kümmert sich um seine kleinen Töchter Sarina und Senja. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, rückt die dunkle Brille zurecht. Scott Chiang, ein junger Mann Mitte 30, weiß, wovon er spricht. Er gehört zur ‚Associação Novo Macau‘, auf Deutsch Neues Macau, einer Art Partei, die sich für mehr Demokratie einsetzt.

"In Macau dreht sich alles um Harmonie"

Die 650.000-Einwohner-Stadt ist seit dem 20. Dezember 1999 eine Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China. Vorher war Macau - auf Chinesisch heisst es Ao Men - eine portugiesische Kolonie. Es liegt im Mündungsdelta des südchinesischen Perlflusses, rund 60 Kilometer von Hongkong entfernt. Beiden Städten wurde für eine Übergangszeit von 50 Jahren große Autonomie zugesichert, nach dem berühmten Prinzip ‚Ein Land, zwei Systeme‘. Das aber bröckelt, wird von der Volksrepublik in beiden Städten immer mehr unterwandert. Doch während die Hongkonger seit Monaten dagegen protestieren und sich die Lage durch brutale Auseinandersetzungen extrem verschärft hat, herrscht in Macau Ruhe. Scott Chiang wagt einen Erklärungsversuch:

"Trotz unserer geografischen Nähe zu Hongkong sind wir kulturell und was die soziale Entwicklung betrifft völlig anders. In Macau dreht sich alles um Harmonie, da wird nicht über Politik diskutiert. Weder in der Öffentlichkeit noch beim Abendessen zuhause."

Menschen flanieren über den geschmückten Leal-Senado-Platz in Macau im Süden Chinas, mit seinem typisch portugiesischen Pflaster  (imago images / Danita Delimont)Flanieren in der historischen Altstadt: Der Leal-Senado-Platz in Macau. (imago images / Danita Delimont)

Historisch ist Macau mit dieser Einstellung immer gut gefahren: Als die Portugiesen sich um 1550 dort niederließen, taten sie das eigentlich illegal. Der chinesische Kaiser hatte den Handel mit ihnen strikt verboten, nur kümmerte sich niemand darum. Hauptsache, alle verdienten gut dabei. Die chinesische und die portugiesische Denkungsart hätten sich perfekt ergänzt, stellt der Soziologe Larry So fest:

"In Macau sagen wir gern, lasst uns erst mal tief durchatmen und entspannen. Hinter verschlossenen Türen wird sich bei einer Tasse Tee schon eine Lösung finden. Abwarten! Die Chinesen und die Portugiesen sind sich da sehr ähnlich."

Einverständnis zwischen China und Kolonialmacht Portugal

Der Soziologe So hat an der Fachhochschule Macaus gearbeitet und vor allem im Erziehungsbereich geforscht. Inzwischen Anfang 70 beobachtet der Wissenschaftler weiter die Entwicklung in Macau. Er nennt noch einen Grund, warum es kaum Proteste gibt:

"Schon vor der Rückgabe war das Erziehungssystem - anders als in Hongkong - klar geteilt: Die Portugiesen gingen in die portugiesischen Schulen, die Chinesen in die chinesischen. Und dort wurde eben nach der harten chinesischen Linie unterrichtet."

Ironie der Geschichte: Schon zu Kolonialzeiten produzierten Macaus Schulen linientreue Jungbürger. Die Portugiesen hatten sich spätestens nach der chinesischen Kulturrevolution in den 1960er-Jahren aus den meisten Bereichen der Gesellschaft zurückgezogen und Peking und seinen Strohmännern die wahre Macht überlassen. Die Gouverneure glichen Operettenherrschern, die sich vor allem um ihr Wohl und das ihrer zahlreichen portugiesischen Hofschranzen kümmerten.

Scott Chiang geht mit den einstigen Kolonialherren hart ins Gericht: "Sie wollten keinen Ärger machen, als sie 1999 abzogen. Die Briten wollten in Hongkong viele demokratische Reformen durchsetzen, sie haben sich mit China vor der Übergabe massiv gestritten. Peking hat damals schon Macau als das bessere Beispiel der Entkolonialisierung verkauft. Weil die Portugiesen keinen Ärger gemacht hätten, sondern freundlich gewesen seien, ginge es Macau auch besser als Hongkong."

Ein Jahresbonus aus der Stadtkasse für alle Bürger

Dazu kommt der unglaubliche Reichtum Macaus. Wäre es ein unabhängiger Staat, hätte es mit fast 100.000 Euro das vierthöchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, erklärt der Soziologe Larry So.

"Die Leute auf der Straße sagen, wir bekommen hier jedes Jahr von der Regierung einen Scheck über rund 900 Euro. Die, die in Hongkong protestieren, bekommen nichts. Dabei waren die einmal unser sogenannter großer Bruder! Und jetzt haben sie nichts außer Ärger."

Porträt von Larry So vor der Fachhochschule von Macau  (Jochen Faget)Der jährliche Scheck von der Regierung zeigt Wirkung bei den Bürgern von Macau, erklärt Larry So. (Jochen Faget)

Der üppige Jahresbonus aus der Stadtkasse soll für mehr Zufriedenheit unter den Bürgern sorgen. Die bekommen auch Zuschüsse zum Führerschein, zur Fortbildung, ja sogar für Tanzkurse. Macau kann sich das problemlos leisten. Wegen der Einnahmen aus dem Glücksspiel, das nirgendwo anders in China erlaubt ist.

24 Stunden täglich wird in den 34 Casinos Macaus gezockt, sieben Tage die Woche, ohne Unterbrechung. Im Grand Lisboa etwa. An den 800 Spieltischen drängen sich Touristen aus der Volksrepublik, viele in T-Shirts und Shorts. Sie lärmen und schlürfen Tee, an den 1000 slot machines beim Eingang stehen Menschentrauben. Beim Baccara beginnen die Einsätze mit rund 30 Euro, in den exklusiven VIP-Räumen soll es angeblich kein Limit geben. Dort spielen auf Einladung die Superreichen aus Hongkong oder aus der Volksrepublik, Normalsterbliche kommen da nicht rein.

Glücksspiel ist Fluch und Segen zugleich

Ohne das Glücksspiel, das noch die portugiesischen Kolonialherren autorisiert haben, wäre Macau längst eine chinesische Stadt wie viele andere, meint José Maria Pereira Coutinho. Er ist einer der wenigen frei gewählten Abgeordneten im Stadtparlament, mehr als die Hälfte wird von Peking-treuen Organisationen ernannt. Von seinem Büro aus sieht er täglich den Casino-Trubel. Das Wynn und das Starworld liegen genau gegenüber.

"Das Glücksspiel sichert die Zukunft Macaus. Es war immer eine Casino-Stadt, schon vor hundert Jahren und wird es immer sein. Das Glücksspiel ist der Motor unserer Wirtschaft, die Steuern aus den Casinos machen fast 95 Prozent der Einnahmen aus."

Der frühere Wirtschaftsprofessor Alberto Martins hinter einem Schreibtisch (Jochen Faget)Das Glücksspiel bringe Macau eine astronomische Summe, erklärt der frühere Wirtschaftsprofessor Alberto Martins. (Jochen Faget)

Doch die Abhängigkeit vom Glücksspiel verursacht auch Probleme. Als 2012 in China Staatspräsident Xi Jinping an die Macht kam und seine Antikorruptionskampagne startete, löste das in Macau eine Wirtschaftskrise aus. Die Casinoeinnahmen brachen ein, weil die großen Spieler nicht mehr kamen. Sie hatten Angst, aufzufallen und verfolgt zu werden. 

"Das Glücksspiel bringt Macau rund 23 Milliarden Euro im Jahr ein, eine astronomische Summe", erklärt der frühere Wirtschaftsprofessor Alberto Martins. "Das ist schnell verdientes Geld, darum gibt es hier keine anderen Wirtschaftszweige. Das Glücksspiel ist Segen und Fluch, denn wenn es da Probleme gibt, geht es sofort bergab mit der Wirtschaft."

Protestierende rufen Slogans und halten Plakate hoch bei einer Demonstration gegen Job-Kürzungen und schlechte Lebensbedingungen am 1. Mai 2014 in Macau.  (Getty Images AsiaPac/Lam Yik Fei)Tausende protestierten am 1. Mai 2014 gegen steigende Arbeitslosigkeit und schlechte Lebensbedingungen in Macau. (Getty Images AsiaPac/Lam Yik Fei)

Und dann gibt es sogar Proteste: Im Mai 2014 etwa gingen Tausende auf die Straße. Die Antikorruptionskampagne in China war auf einem ihrer Höhepunkte, in Macau stieg darum die Arbeitslosigkeit, die Menschen waren unzufrieden. Der Volkszorn entlud sich, als scheidenden Regierungsmitgliedern dicke Ruhestandseinkommen zugeschanzt werden sollten. 20.000 Menschen belagerten damals das Stadtparlament.

"Macau wird vom Geld regiert"

Heute hat die Antikorruptionskampagne in China nachgelassen, die Spieler aus der Volksrepublik kamen zurück, Macau boomt. Und weil die Regierung ihre umstrittenen Pläne von 2014 fallen ließ und die jährlichen Schecks für die Bürger erhöhte, sind alle wieder zufrieden.

Scott Chiang, der junge Mann von der Partei Neues Macau macht sich keine Illusionen. "Macau wird vom Geld regiert, nicht von irgendeiner Ideologie. Selbst Peking weiß, dass hier nicht alle mit der Mao-Bibel durch die Gegend laufen. Aber es lässt uns kleine Freiheiten, solange wir keinen Ärger machen. Wer hier das Sagen hat, sind ein paar reiche Familien."

Als Aktivist vom Neuen Macau war Scott Chiang bei den Protesten 2014 dabei, hatte immer wieder Ärger mit der Polizei. Mehrmals wurde er verhaftet, zuletzt weil er und seine Freunde es gewagt hatten, die Bürger zu befragen, ob sie ihren Regierungschef nicht lieber direkt wählen wollen. Das, so die Behörden, sei ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz gewesen. Macaus Regierende dulden eben keine politischen Freiräume.

"Macau ist vor allem ein kleiner Ort, jeder kennt jeden. Wenn man da gegen den Strom schwimmt, bekommt man schnell Ärger, auch die Familie." Dabei sind die Forderungen der jungen Leute vom neuen Macau weit weniger radikal als die der Demonstranten in Hongkong. "Die meisten Sachen, die wir wollen, sind anderswo peanuts: Freie Wahlen oder transparente Regierung. Wir stehen wie die Bösen da, nur weil wir ein System wollen, das dem Wohl der Bürger Macaus dient, nicht nur den Bonzen."

Nur wenige trauen sich, offen zu sprechen 

Das jedoch wird in Macau 20 Jahre nach der Rückgabe immer schwerer. Trotz der offiziellen Regelung ‚Ein Land, zwei Systeme‘, stellt der Soziologe Larry So trocken fest: "Hinter vorgehaltener Hand sagen immer mehr Leute, das sei nur noch ein Land und ein System. Vom zweiten System ist doch nur noch übrig, dass wir das legale Glücksspiel haben und ein bisschen mehr Redefreiheit."

Selbst die verbliebene Redefreiheit wagen nur wenige in Anspruch zu nehmen. Auf der Straße weichen die Bürger Macaus der Frage aus. Der Wirtschaftsfachmann Albano Martins, der vor 20 Jahren Macaus Banken für die Rückgabe fit gemacht hat, sitzt in seinem Büro im 21. Stock des neu gebauten Finanz- und IT-Hochhauses am Man-Van-See. Er leistet sich noch den Luxus einer eigenen Meinung. "Immer mehr Entscheidungen verletzen die Zwei-Systeme-Regel, ohne dass das hinterfragt wird. Die Leute haben Angst. Die Gerichte werden an den Rand gedrängt, oft gar nicht mehr angerufen. Das geht immer schneller, dabei ist noch nicht einmal die Hälfte der offiziellen Übergangszeit zu Ende."

Macau arrangiert sich mit Pekings Dominanz

Macau hat sich – wieder einmal – mit dem status quo arrangiert. Auf der Hauptstraße, die Chinesen nennen sie San Ma Lo, die Portugiesen nach einem früheren Kolonialminister Almeida Ribeiro, geht das Leben weiter seinen täglichen Gang. Touristen mit Einkaufstüten aus den Luxusläden hetzen über die Bürgersteige, vor der portugiesischen Schule langweilen sich Schüler. Weiter unten, in den Pfandleihen beim Grand Lisboa, versetzen die, die im Casino kein Glück hatten, ihre Uhren und den Schmuck.

Scott Chiang verteilt wieder einmal Flugblätter, es geht um bessere Lebensbedingungen in seinem Viertel. Die meisten Leute beachten ihn nicht.

Die Kritiker in Macau hätten einen anderen Weg gewählt als die im benachbarten Hongkong, erklärt der Soziologe Larry So. "Sie sagen nicht, sie wollen das System verändern, wie viele der Demonstranten das in Hongkong tun. Sie greifen auch ganz bewusst nicht die kommunistische Partei an. Sie konzentrieren sich auf Themen wie soziale Verbesserungen, Nachbarschaftsprobleme und bessere Wohnbedingungen. Sie versuchen, den Gerechtigkeitssinn der jungen Generation zu stärken."

Die sei, weiß Scott Chiang aus eigener Erfahrung, eben doch nicht ganz so Peking-freundlich, wie sie in der offiziellen Propaganda immer wieder dargestellt werde.

"Klar sehen viele Jugendlichen die sozialen Probleme, haben progressive Ideen. Nur wollen sie nicht öffentlich dafür eintreten."

Underdogs im Stadtparlament

Es fehle an bezahlbaren Wohnungen, die Lebensqualität nehme ab, die Lärmbelästigung dagegen ständig zu. Und Macaus Jugendliche hätten es satt, nur im Casino-Bereich Jobs zu finden, auch wenn die vergleichsweise gut bezahlt seien. Sie wollten über die Geschicke der Stadt mitentscheiden, machten sich Sorgen um die Zukunft. Das beweise schon die Tatsache, dass die Partei Neues Macau bei den letzten Wahlen 2017 es geschafft habe, einen Abgeordnetensitz im Stadtparlament zu erkämpfen – sehr zum Missfallen derer, die Scott das Establishment nennt. 

"Wir sind zwar die underdogs der Gesellschaft. Aber wir sagen den Leuten die Wahrheit. Dass uns das gelingt, macht uns optimistisch, lässt uns weiterstreiten."

Die jungen Leute vom Neuen Macau werden weiter die Missstände in der Stadt kritisieren, für Veränderung kämpfen, verspricht Scott Chiang. Auch wenn sie wenige sind. Nicht so lautstark wie ihre Altersgenossen in Hongkong und schon gar nicht mit Gewalt. Den Regierenden werden sie trotzdem weiter ein Dorn im Auge sein, in Macau ebenso wie im fernen Peking.

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