Clare Mac Cumhaill & Rachael Wiseman: “The Quartet“

Wir sind „metaphysische Tiere“

08:29 Minuten
Buchcover "The Quartet"
© C.H. Beck

Rachael Wiseman, Clare Mac Cumhaill

Übersetzt von Andreas Thomsen Martin, Frank Lachmann und Jens Hagestedt

The Quartet. Wie vier Frauen die Philosophie zurück ins Leben brachtenC.H. Beck, München 2022

504 Seiten

26,95 Euro

Von Andrea Roedig · 20.03.2022
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Philosophischer Disput und Studieren mit Wärmflasche: Clare Mac Cumhaill und Rachael Wiseman schildern das College-Leben in Oxford während des Zweiten Weltkriegs und die Freiräume jener Jahre, die vier Denkerinnen gut zu nutzen wussten.
Man kann und sollte „The Quartet“ als einen historischen Collegeroman lesen. Die Lebenswege der vier Protagonistinnen, alle 1919 beziehungsweise 1920 geboren, kreuzten sich zum ersten Mal während des Studiums am Somerville-College in Oxford, das als Ausbildungsstätte für „kluge Mädchen“ galt.

Prägende Studienjahre in Oxford

Die durchweg als „faszinierend“ beschriebene Iris Murdoch wird später eine der großen literarischen und intellektuellen Figuren Großbritanniens im 20. Jahrhundert. Elizabeth Anscombe wiederum, unnachgiebig im Denken, wird den Nachlass Ludwig Wittgensteins herausgeben, dessen "Philosophische Untersuchungen" übersetzen und mit eigenen Werken zu Handlungstheorie und Ethik hervortreten, genauso wie Philippa Foot – eine maßgebliche Vertreterin analytischer Moralphilosophie – und Mary Midgley, die früh Entwürfe für eine Tier- und Umweltethik vorlegte.
Die Erzählung folgt den Protagonistinnen in den entscheidenden Jahren zwischen 1938 und 1955. Wir erfahren einiges über das damalige Studienleben an den Oxforder Frauencolleges, über Freundschaften und Liebschaften und die heftigen akademischen Auseinandersetzungen um die Ausrichtung der angelsächsischen Philosophie.

Ein nützliches Vakuum

Einige der jungen Dozenten, unter ihnen J. L. Austin und A. J. Ayer, hatten gegen die alten idealistischen Philosophietraditionen Stellung bezogen und ließen keine metaphysischen Fragen mehr gelten, etwa danach, was das Gute sei. Ayer etwa hielt moralische Urteile für sinnlos, weil sich Aussagen eben nur über beobachtbare Tatsachen machen ließen.
Ab 1939 allerdings wurden diese jungen männlichen Vertreter einer analytischen Philosophie zum Kriegsdienst eingezogen. Zurück in Oxford blieben Frauen, ältere Dozenten, sehr junge Studierende und Emigranten. So entstand ein Vakuum, das die angehenden Denkerinnen nutzen konnten, um eigene Positionen zu entwickeln.
Gemeinsam war ihnen das Bemühen um eine Ethik, die sich an der Lebensrealität ausrichtet, aber auch das Festhalten an klassischen philosophischen Fragen. Denn: Menschen seien „metaphysische Tiere“. So fassen es die Autorinnen zusammen.

Philosophie und Gossip

Ausgangspunkt der Recherchen für das Buch war ein Artikel von Mary Midgley im "Guardian" 2013 mit dem Titel „Das goldene Zeitalter weiblicher Philosophie“. Clare Mac Cumhaill und Rachael Wiseman suchten daraufhin Midgley als die letzte noch Lebende des „Quartets“ auf – sie starb 2018 im Alter von 99 Jahren – und rekonstruierten die Geschichte auf der Grundlage von Erzählungen, Biografien, Tagebüchern und reichlich zusammengetragenem Archivmaterial.
Dabei halten die Autorinnen auf unterhaltsame Weise die Waage zwischen Philosophie und Gossip. Sie schildern, was die Protagonistinnen dachten, aber auch, wie sie gekleidet waren – Elizabeth Anscombe immer in brauner Hose, Philippa Foot in maßgeschneiderten Kostümen.
Nach und nach entsteht das Bild von vier sehr eigenwilligen, kämpferischen Frauen und ein Plot, der fast danach ruft, verfilmt zu werden. In jedem Fall ist es gelungen, akademische Philosophie und den Universitätsbetrieb lebendig aus der Perspektive von Frauen zu beschreiben.

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