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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.04.2015

Lyrikerin Emily DickinsonHeimliche Verse, vollständig übersetzt

Von Katharina Döbler

Emily Dickinson (Imago/United Archives International)
Emily Dickinson (Imago/United Archives International)

Nach ihrem Tod wurde ein großes Arsenal an Gedichten entdeckt, die viele Bewunderer fanden: Die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson gilt heute als echter Geheimtipp. Nun erscheint ihr Gesamtwerk erstmals auf Deutsch – in einem 1400-Seiten-Wälzer.

Die Dichterin Emily Dickinson lebte von 1830 bis 1886: eine Frau, die im puritanisch geprägten Neuengland ein zurückgezogenes Leben führte und die niemals einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. Das ist auch heute noch so. Und doch hat sie eine über 150 Jahre gewachsene Schar von Bewunderern.

Ihre Zurückgezogenheit war der Schutz eines freien, wissbegierigen und schöpferischen Geistes, der sich nicht nur der Natur öffnete und Seelenzustände genau erforschte, sondern sich für Ökonomie ebenso interessierte wie für Naturwissenschaften – und für die politischen Ereignisse ihrer Zeit: Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) war eines der Themen, mit dem sie sich auf ihre oft überraschende Weise auseinander setzte.

Nur sieben ihrer Gedichte wurden zu Lebzeiten veröffentlicht

Inmitten einer Umgebung, die für einen Freigeist, zumal einen weiblichen, oft erstickend gewesen sein muss, fasste die heimliche Agnostikerin Emily Dickinson ihre Gedanken in ebenso heimliche Verse, die sie selbst zu kleinen Heften band und bis auf wenige Ausnahmen niemanden sehen ließ.

Ein Gedicht über das menschliche Gehirn zum Beispiel, das 1863 entstand, hätte sie damals nicht veröffentlichen können, ohne einen Skandal mit weitreichenden Folgen heraufzubeschwören.

"Mehr als der Himmel fasst das Hirn" beginnt es und deutet in lyrischer Kürze und Eleganz die intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Fähigkeiten des Menschen; um am Ende zu behaupten:

"So schwer wie Gott ist das Gehirn –
Hebst du sie – Pfund um Pfund-
Sind sie verschieden – allenfalls-
Wies Laut und Silbe sind"

Nur sieben ihrer Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten überhaupt veröffentlicht – und das geschah meist durch Freunde, die sie in ihrer weitreichenden und vielfältigen Korrespondenz auch oft mit Versen bedachte. Ihre Freundschaften, etwa zu Elizabeth Barrett Browning, lebten vor allem in Briefen; wie auch ihre – soweit man weiß, unerfüllten – Lieben zu sehr unterschiedlichen Männern. In den letzten Jahren ihres Lebens nahm ihre Menschenscheu extreme Züge an.

Ihrer Zeit weit voraus

Was in ihrem komfortablen häuslichen Kokon entstand – rund 1800 Gedichte und Gedichtfragmente umfasst der vorliegende Band – ist ein einzigartiges Werk, in der Form so frei wie im Denken und seiner Zeit weit voraus.

Die Herausgeberin Gunhild Kübler hat es chronologisch zusammengestellt und manche der Gedichte in ihrem biografischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang hilfreich kommentiert. Ihre Übersetzung versucht sowohl dem Klang wie dem Inhalt dieser Lyrik so weitgehend wie möglich gerecht zu werden: eine undankbare Aufgabe, denn eine Übertragung in die deutsche Sprache mit ihren viel längeren und weniger vieldeutigen Wörtern ist zwangsläufig sperriger als das Original. Und Dickinsons Verse haben manchmal die unübersetzbare ironische Leichtigkeit eines gegenwärtigen Popsongs. Manchmal aber auch die Klarheit eines Aphorismus, die auch im Deutschen wunderbar funktioniert:

"Ein Wort ist tot, wenn man es sagt
Sagt man –
Ich sag es fängt zu leben an
Just dann"

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte
Herausgegeben und übersetzt von Gunhild Kübler
Hanser Verlag, München 2015
1408 Seiten, 49,90 Euro

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