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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.04.2016

Lydie Salvayre: "Weine nicht"Heiteres Zeugnis einer vernebelten Epoche

Von Sigrid Brinkmann

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Die französische Schriftstellerin Lydie Salvayre mit einem Exemplar ihres Romans "Pas pleurer", für den sie den Prix Goncourt 2014 erhalten hat, aufgenommen am 5.11.2014. (AFP / Eric Feferberg)
Die französische Schriftstellerin Lydie Salvayre erhielt für "Weine nicht (Pas pleurer)" den Prix Goncourt 2014. (AFP / Eric Feferberg)

Die junge Montse will nicht Magd bei einem Großgrundbesitzer werden. Stattdessen folgt sie im Sommer 1936 ihrem anarchistisch geprägten Bruder José nach Barcelona. Im Roman "Weine nicht" erzählt Lydie Salvayre das Leben ihrer Mutter – und von einem politisch gespaltenen Spanien.

Weil er für seine sechs Kinder in Frankreich nicht mehr ausreichend sorgen konnte, zog der Schriftsteller Georges Bernanos 1934 mit der Familie nach Palma de Mallorca. Zwei Jahre später begannen Francos Waffenbrüder, Bauern und Arbeiter aufzugreifen und zu ermorden. 3000 Menschen wurden in sieben Monaten auf der Insel hingerichtet. Angewidert vom Terror der Falangisten und den "Es lebe der Tod"-Rufen verließ Bernanos die Insel und machte in "Die großen Friedhöfe unter dem Mond" von 1938 seiner verzweifelten Wut über die Kirche als "Hure der militärischen Säuberer" Luft.

Zwei völlig unterschiedliche Erlebniswelten

Lydie Salvayre las Bernanos' Schrift sechs Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung. Erschüttert beschloss sie, einen Roman zu schreiben, in dem sie das politische Erwachen des katholischen Schriftstellers mit den ungestüm sprudelnden, in einem amüsanten "Fragnol" hervorgebrachten Erinnerungsbruchstücken ihrer spanischen Mutter an die einzigartigen Sommermonate der Anarchie verknüpfen würde. Es ist grandios, wie sie die zwei völlig konträren Erlebniswelten miteinander verschränkt und den als konservativ abgestempelten Autor, auf dessen Kopf Franco Geld aussetzen ließ, entschlossen rehabilitiert.

Lydie Salvayre ist die Tochter eines katalanischen Bauernmädchens und eines andalusischen Kommunisten, denen es nach wochenlangen Fußmärschen gelungen war, im Februar 1939 die Grenze nach Frankreich zu überqueren. Sie kehrten nicht mehr nach Spanien zurück. 15 Jahre alt, hatte ihre Mutter Montserrat Monclus Arjona am 18. Juli 1936 zum ersten Mal offen gegen die ihr zugewiesene Rolle aufbegehrt, als Magd im Haushalt eines Großgrundbesitzers zu dienen. "Lieber", schrie das rebellische Mädchen, "werde ich Hure in der Stadt!". Ihrer Tochter Lydie verkündete sie 75 Jahre nach dem Vorfall, dass der Krieg der Republikaner gegen die Franquisten "genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen" war.

Mit Bruder José nach Barcelona

Bruder José*) brachte seiner Schwester "Montse" bei, wie man die Gewaltandrohungen der Erwachsenen, die nicht begreifen wollten, dass ihr "heiliges Spanien" zerbrach, ins Leere laufen ließ. Mit ihm brach sie nach Barcelona auf. In der "Hauptstadt der Revolution" entdeckte sie staunend, dass es Toiletten mit Wasserspülung gibt, Badewannen, elektrisches Licht, Kühlschränke - und sie verliebte sich flüchtig. Neun Monate später wurde Lydie Salvayres ältere Schwester geboren. Montse sah, wie Anarchisten Geldscheine verbrannten, und die Autorin erkennt in der Unbeschwertheit, mit der ihre alte Mutter Geld an X-beliebige Leute verteilte, ein Echo jener Tage. Salvayres Weise, die Geschichte - gefiltert durch den ungebrochenen mütterlichen Enthusiasmus und die Erzählungen vom wachsenden Zweifel des Onkels an der moralischen Sauberkeit der Anarchisten - tastend zu erkunden, ist faszinierend.

Salvayre, die sich zu ihrer Liebe für den obszönen Wortwitz der Spanier bekennt, streut gelegentlich spanische Redewendungen und Sprichwörter ein, reflektiert offen ihre Rolle als Autorin, die in Geschichtsbüchern Fakten prüft, und verinnerlicht den Furor ihres anarchistischen Onkels, der 1937 in seinem Heimatdorf bei Kämpfen zwischen Falangisten und Kommunisten starb. Dass man Lydie Salvayres späterem Vater - einem Kommunisten - gerüchtehalber anlastete, Josés Mörder gewesen zu sein, macht schlagartig klar, wie viel Rachsucht im politisch gespaltenen Spanien herrschte. Ihr schuldloser Vater sollte noch im französischen Exil periodisch an Verfolgungswahn leiden.

Nicht weinen über die Zumutungen des Lebens

Über die Zumutungen des Lebens zu weinen, das hatte Lydie Salvayres Mutter sich selbst immer versagt, und diese Haltung ihren Kindern empfohlen. "Weine nicht" ist ein ernstes wie heiteres Buch und ein lebendiges Zeugnis einer Periode, die von spanischen Kommunisten und französischen Intellektuellen lange "vernebelt" wurde.

*) Fälschlicherweise war in der ersten Fassung von Onkel statt von Bruder die Rede. 

Lydie Salvayre: Weine nicht
Aus dem Französischen von Hanna van Laak
Karl Blessing Verlag, München 2016
256 Seiten, 19,99 Euro

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