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Buchkritik | Beitrag vom 19.08.2019

Lutz Raphael: "Jenseits von Kohle und Stahl"Wir haben die Deindustrialisierung kaum begriffen

Von Jens Balzer

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Das Buchcover des Buches "Jenseits von Kohle" von Lutz Raphael. (Suhrkamp/ Deutschlandradio)
Was ist aus dem stolzen Industriebürger geworden - und aus seinen Arbeitsplätzen und Karrierewegen, fragt Lutz Raphael. (Suhrkamp/ Deutschlandradio)

Die Industriegesellschaft sicherte auch ungelernten Arbeitern wachsenden Wohlstand. Die Auswirkungen der Schließung von Fabriken, Stahlwerken und Zechen zeigt Lutz Raphael in "Jenseits von Kohle und Stahl" - und wie wenig wir davon verstanden haben.

Stahlwerke, Kohlezechen, Textilfabriken: Das waren die wichtigsten Produktionsstätten der Industriegesellschaft, Arbeitsplätze für Millionen von Menschen, symbolisch aufgeladene Orte. Seit den 1970er-Jahren ist von diesen Stätten eine nach der anderen geschlossen worden. Manche von ihnen wurden zu Museen umgebaut – sie bewahren Erinnerungen an eine untergegangene Kultur. Aus der Industriegesellschaft ist eine postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft geworden: Dieser Umstand ist leicht einzusehen. Aber was bedeutet dieser ökonomische Umbruch für die Kultur im Ganzen, für das Zusammenleben der Menschen und für ihre individuellen Biografien, schließlich: für ihre politische Haltung? Das sind die Fragen, mit denen sich der Historiker Lutz Raphael in dem Buch "Jenseits von Kohle und Stahl" befasst.

Raphael nimmt die Perspektive des "einfachen Malochers" ein

In seiner "Gesellschaftsgeschichte der Deindustrialisierung" nimmt Raphael konsequent die Perspektive des "einfachen Malochers" ein, für den dieser Wandel vor allem mit Verlusten verbunden ist. In den 70er-Jahren werden viele der klassischen Arbeiterjobs in Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelagert; andere fallen dem technologischen Fortschritt und der Rationalisierung zum Opfer. In den 80er-Jahren setzt sich das bis heute herrschende System des Finanzmarktkapitalismus durch, in dem der kurzfristige Profit der Aktionäre wichtiger wird als die dauerhafte Stabilität einer Firma.

Diese Entwicklungen werden von der Politik mal mit Härte vorangetrieben (wie von Margaret Thatcher), mal auch gemildert – das zeigt Raphael in detailreicher, gerade auch im Vergleich verschiedener Länder wohltuend differenzierter Weise. Doch trotz aller Unterschiede führt die Deindustrialisierung im Ganzen zu einer Destabilisierung der Lebensverhältnisse in den westlichen Gesellschaften. Bis in die 70er-Jahre können sich auch einfache, sogar ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen auf sichere Erwerbsbiografien bis zur Rente verlassen und auf allmählich wachsenden Wohlstand. Dieses Sicherheitsgefühl verschwindet bis zum Anfang der 80er-Jahre, als eine ganze Generation sich in Arbeitslosigkeit oder Frührente wiederfindet; und die einfachen Jobs, die in der darauf folgenden Dienstleistungsgesellschaft entstehen, sind wesentlich von prekären Anstellungsverhältnissen geprägt.

Gesellschafsanalysen und Nahaufnahmen aus dem Alltagsleben

Lesenswert ist Lutz Raphaels Buch vor allem wegen der eindrücklichen Verschränkung von Wirtschafts- und Kulturgeschichte, von gesellschaftlichen Großraumanalysen und Nahaufnahmen aus dem Alltagsleben. Es zeigt, wie die Destabilisierung der Lebensverhältnisse und das Trauma der Massenarbeitslosigkeit bis tief in individuelle Biografien hineinreichen, bis in das Selbstwertgefühl der Menschen, in das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Männern und Frauen. Er zeigt, wie die "sozialmoralischen" Solidarräume der älteren Arbeitergesellschaft ersatzlos verschwinden und Menschen zurücklassen, die sich in ihren prekären Lebensverhältnissen gleichermaßen vereinzelt und unsichtbar fühlen – weil die Parteien, die traditionellerweise ihre Interessen vertraten (wie die SPD), sich anderen Bevölkerungsgruppen zugewandt haben.

Diese Krise der politischen Repräsentation hat dem rechtspopulistischen Protest den Boden bereitet, lautet Lutz Raphaels wenig überraschende These – die er gleichwohl so grundlegend und differenziert vorbereitet wie kaum ein anderer Gesellschaftshistoriker zur Zeit. "Jenseits von Kohle und Stahl" ist eine im guten Sinne materialistische Analyse unserer gegenwärtigen Kultur; sie zeigt, wie fundamental der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte gewesen ist und wie wenig wir das in all seiner Konsequenz bisher begriffen haben.

Lutz Raphael: "Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom"
Suhrkamp, Berlin 2019
525 Seiten, 32,00 Euro

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