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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.06.2016

Lutz Hachmeister: "Hannover. Ein deutsches Machtzentrum"Hauptstadt der Mittelmäßigkeit

Von Pieke Biermann

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Reihenhaussiedlung in Hannover-Bemerode (Imago / Rust)
Reihenhaussiedlung in Hannover-Bemerode (Imago / Rust)

Karl-Marx, Theodor Lessing und Harald Schmidt haben es getan: Hannover-bashing hat Tradition. Lutz Hachmeister nimmt sich in seinem Porträt der Stadt mit den "Wir-sind-aber-auch-wer-Allüren" auch nicht gerade zurück. Informativ ist sein Buch trotzdem, und es liest sich gut.

Natürlich darf Lessings Spott, Hannover sei "das Paradies des Mittelstandes, der Bemittelten und jeder Mittelmäßigkeit", nicht fehlen. Dabei stammt er gar nicht von Gotthold Ephraim, an den die meisten denken, sondern vom 1933 im tschechischen Exil von Nazis ermordeten Theodor. Er geht übrigens auch gegen "Mittelstädte", kein Wunder: Lessing hatte ihn gemeinsam mit dem damals ebenfalls berühmteren, nach Berlin ausgewanderten Impressionisten Ernst Oppler ersonnen.  

Für die Jüngeren: Hannover-bashing ist kein running gag von Harald Schmidt, damit hatte schon der Exil-Londoner Karl Marx seine Töchter bedient. Für Nicht-Berliner: Lessing war kein Metropolenschnösel, sondern hatte als Hannoveraner das vermeintlich Friedlich-Sittliche "der fahlsten unserer Städte" als fruchtbaren Boden für den einzigen weltberühmten Hannoveraner ausgemacht: Fritz Haarmann, Massenmörder mit freundlicher Kripo-Unterstützung. Nämlich das Prinzip verdruckst konfliktscheuer Mediokrität, das – wie im goyaschen Albtraum – Ungeheuer gebiert.  

Eine Art unterambitionierte Mittelgewichthaftigkeit

Cover - Lutz Hachmeister: "Hannover. Ein deutsches Machtzentrum" (DVA)Cover - Lutz Hachmeister: "Hannover. Ein deutsches Machtzentrum" (DVA)Was Lessing als "langsam zerfressend(e) bürgerliche Tüchtigkeit und ehrenfeste Solidität" seziert hatte, skizziert Lutz Hachmeister in seinem Hannover-Porträt für die Zeit nach 1945. Die nach der ungeheuerlichen Katastrophe wiederaufgebaute Mediokrität mit ihrer verkehrsverplanten "Urbanität" und ihrem Mehltau aus parteiübergreifender Übergriffigkeit, Amtsschimmel und Wir-sind-aber-auch-wer-Allüren. Hannoverismus nennt Hachmeister die "seltsame Mischung aus Image-Überlagerungen und trotziger Selbstbehauptung" der "Stadt ohne Slogan" und meint es als "politische Metapher". Wenn jemand GroKo kann, dann im hannoverschen System der "Erbfreundschaften" sozialisierte Politikerinnen und Politiker. Wirklich schwergewichtige Exporte wie Steinmeier, Gabriel, von der Leyen verkörpern folglich eine Art unterambitionierte Mittelgewichthaftigkeit: das angestammt Protestantisch-Konservative samt historischem Hang zum Welfisch-Adligen ("Wir haben auch schon mal auf dem englischen Thron gesessen!") und Rechts-SPDigen, das stadt- und verkehrsplanende Altnazis ebenso verdaut hat wie einen für die Briten spitzelnden NPD-Gründer, und für das VW-Manager große Glamourwelt und die Promi-Box des Fußballstadions das Hinterzimmer der Macht sind. 

Mit heißer Nadel gestrickt

Wer aus Hannover kommt und trotzdem "Leuchtturm"-Ambitionen zeigt, endet schnell bei der Leuchtkraft von Wunderkerzen. Siehe Rösler, Wulff und Schröders Gerd, oder auch Lena, Maschmeyer, Käßmann. Und wenn in Hannover hundertmal sowohl die Glühbirne als auch das Fließband zuerst erfunden wurden.

Hachmeisters Porträt ist informativ und liest sich gut – auch wenn es besser mit nicht ganz so heißer Nadel gestrickt worden wäre und man das Meiste zur Achse Augstein-Altnazi-Antisemiten-Spiegel schon aus seinem Heidegger-Buch kennt. Ex- wie auch Noch-Hannoveraner, die den Bahnhof und den Flughafen für die einzig wichtigen Adressen halten, trösten sich derweil damit, dass Gern-Hannoveranern die Scorpions auch nicht peinlicher sind als BAP den Gern-Kölnern.

Lutz Hachmeister: Hannover. Ein deutsches Machtzentrum
DVA, München 2016
352 Seiten, gebunden 19,99 Euro, E-Book 15,99 Euro

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