„Traumberuf: Opa“: So steht es auf einem Plakat, auf das Dirk, einer der Helden von „Sanditz“, sofort anspringt. Dabei ist Dirk Wenzel noch nicht einmal Vater, aber womöglich stehen die Aussichten gar nicht so schlecht. Immerhin hat er zum ersten Mal mit einer Frau geschlafen, kurz nach dem Tod seiner Mutter, was offensichtlich die Voraussetzung war.
Lukas Rietzschel, 1994 in der sächsischen Oberlausitz geboren, ist seit seinem Romandebüt so etwas wie der Shooting Star der ostdeutschen Nachwende-Generation, die er mit leiser Ironie denkbar unglamourös verkörpert. Er spricht langsam und geduldig, lässt sich in T-Shirt mit Pullunder ablichten, was sich als bildhafte Entsprechung zur Strategie einer seiner weiblichen Hauptfiguren deuten lässt.
Maria, Dirks Nichte, die wie die gesamte Familie Wenzel aus der fiktiven sächsischen Kleinstadt Sanditz stammt, hat es beim Studium in Kassel irgendwann satt, mit den Ost-Klischees der Wessis konfrontiert zu werden. Also stellt sie sich stets mit den Worten vor, sie sei „die Mandy aus Dresden“.
Nach einigen Jahren kehrt sie in die Lausitz zurück. So wie der Autor, der zunächst in Kassel und dann in Görlitz studierte. Erst im Westen sei er zum Ostdeutschen geworden, erzählt er in Interviews. Über Marias Jahre in Kassel heißt es:
Sie war selten zu Hause in jener Zeit, aber dass sie noch von einem Zuhause sprach, wenn sie an das flache Haus an der Straße bei Sanditz dachte, bedeutete vielleicht etwas. Alles, was sie kannte, ihre Begriffe von der Welt, hatten sich im Osten zu einem Wörterbuch geformt. Dachte sie an einen Baum, sah sie eine Kiefer vor sich, schlank und hochgewachsen, kupferbraun der Stamm, weit oben die Äste. Ihr Fluss war die Elbe, ihr Bach die Elster, ihr Horizont von Hügeln umstellt, von Raps bewachsen. Riesige Felder, künstliche Seen, tiefdunkle Steinbrüche, Betonplatten.
Lukas Rietzschel: „Sanditz“
Sprachmächtiges Kammerspiel in epischer Breite
„Sanditz“ ist ein sprachmächtiger Roman, der kunstvoll viele Register zieht. Im Zentrum stehen drei Generationen der Familie Wenzel, zu der Maria und Dirk, Nichte und Onkel, gehören. Außerdem Tom, Marias Zwillingsbruder, Marion, deren Mutter, Roland, der soziale Vater der beiden, und Erika, die Großmutter. Norbert, ihr vor Jahren an Diabetes verstorbener Mann, durfte als Orgelbauer in den Westen reisen, bis nach Italien.
Beginnend mit dem 21. Dezember 2021 reicht der Roman bis ins dritte Corona-Jahr. Die Pandemie bildet den Rahmen, der die Enttäuschungen und familiären Spannungen forciert, zugleich ist sie formal das Rückgrat des Romans. Sie strukturiert die fortlaufende Handlung, die von sprunghaften Rückblicken bis ins Jahr 1978 unterbrochen wird.
Erst gegen Ende verlässt der Text den engen Schauplatz, um mit Tom, Marias Zwillingsbruder, auf die Schlachtfelder der Ukraine zu ziehen. Ein Kammerspiel in epischer Breite, so könnte man das Wagnis dieses Romans umreißen.
Lukas Rietzschel, der auch Theaterautor ist, wagt einen Panoramablick auf ein kleines Häufchen Menschen, an deren Schicksal er Anteil nimmt, als käme es auf jedes Sandkorn an. Und das tut es ja in gewisser Weise auch.
Keine Schule, kein Bäcker, kein Friedhof
Die Sanditzer Landstraße mit ihren vier Bungalows ist ein Ort anhaltender Enttäuschung. Was hat man ihnen nicht alles versprochen – nicht nur die blühenden Landschaften Helmut Kohls, Partizipation und demokratische Teilhabe!
Schon lange vor der Wende wurden sie um ihre Hoffnungen betrogen. Ihr altes Dorf liegt im Braunkohlerevier. Damals, als man die Familie zur Umsiedlung bewegen wollte, wurde ihnen ein neues Dorf versprochen.
Streng genommen wurde alles, was die Umsiedlung wegen des Braunkohletagebaus erträglicher gemacht hätte, vernachlässigt. (...) Denn was hatten sie bekommen? Keine Schule, keinen Fleischer, keinen Bäcker, keinen Friedhof, keine Kirche. (...) Vier flache Häuser an einer Straße, das war die Entschädigung. Eine Kolonie zwischen zwei bestehenden Dörfern, eine Verwaltungseinheit ohne eigenen Namen.
Lukas Rietzschel: „Sanditz“
Lukas Rietzschel schildert typische DDR-Erfahrungen, ohne dass man den Eindruck hat, hier werde eine Liste abgehakt: die Arbeit im Glaswerk, bei der sich Marion und Roland kennenlernten, die freikirchliche evangelische Gemeinde, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft von einer besseren Welt träumten, der Militärdienst bei der NVA, der Aufbau von Bürger-Gemeinschaften nach dem Fall der Mauer, das Stürmen der Kreisdienststelle, um die Vernichtung von Stasi-Akten zu verhindern.
Eine Geschichte fast ohne Kinder
Natürlich hat man das schon gelesen. So manche Szene, etwa rund um den Hilfskoch Achim, in den sich Roland verliebt, erinnert an Lutz Seilers „Kruso“. Die Braunkohlereviere der Lausitz hat Volker Braun in umwerfender Dichte in Szene gesetzt. Jonathan Franzens „Crossroads“ kommt einem in den Sinn, auch wenn dort andere, US-amerikanische Vibes die Seelen beleben.
Aber das kann kein Einwand sein. Denn dieser junge Autor versteht schon jetzt sein Handwerk. Die Dialoge sitzen, die inneren Stimmen der Figuren sind von enormer Bandbreite. Die Sorgfalt, die er auch für Nebenfiguren aufbringt, ist außerordentlich. Bis hinein in die Schützengräben der Ukraine besticht seine Fähigkeit, Charaktere zu zeichnen.
Auffallend ist, dass es fast keine Kinder in diesem Roman gibt. Die jüngste Generation steuert auf die Vierzig zu. Das ist vielleicht die brutalste Diagnose dieses unsentimentalen Heimatromans.
Er hätte auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse gehört. Doch „Sanditz“ wird auch ohne diesen Aufmerksamkeitsbooster seine Leser finden.