Seit 13:05 Uhr Länderreport
Dienstag, 13.04.2021
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.06.2018

Louis Althusser: "Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen"Philosophie als Klassenkampf

Von Andrea Roedig

Podcast abonnieren
Buchcover Louis Althusser: "Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen" (Passagen-Verlag / picture-alliance / dpa)
Louis Althusser prägte eine ganze Generation von einflussreichen Philosophen wie Michel Foucault, Etienne Balibar oder Jacques Rancière. (Passagen-Verlag / picture-alliance / dpa)

Niemand beeinflusste die Marx-Deutung in Frankreich so sehr wie Louis Althusser. Jetzt ist aus seinem Nachlass eine "Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen" in deutscher Übersetzung erschienen – eine zwiespältige Lektüre.

Althusser erinnere ihn an einen "mittelalterlichen Gelehrten, der sich verzweifelt in seiner phantasierten Begriffswelt zu orientieren versucht" – so schrieb Tony Judt einmal in einem polemischen Essay. Ganz von der Hand weisen lässt sich diese böse Charakterisierung nicht, wenn man die "Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen" liest, eine aus dem Nachlass herausgegebene Schrift aus den Jahren 1978 bis 1980. Althusser hatte sie – unter dem Eindruck einer "Krise des Kommunismus"– als ein Lehrbuch für Laien konzipiert, in dem er die Philosophie als einen "Klassenkampf in der Theorie" darstellen und die Idee einer "neuen Praxis der Philosophie" auf den Punkt bringen wollte.

Die Philosophie und die Ideologien der herrschenden Klassen

Die Sprache ist klar gehalten, und fast klippschulmäßig einfach beginnt das Buch mit dem großen Gegensatz von idealistischem versus materialistischem Denken. Ihr Antagonismus bilde das notwendige Bewegungsprinzip, das die Philosophie durch ihre Geschichte treibe, wobei keine der beiden Seiten rein sei, jede trage ihr Gegenteil in sich. Als Marxist ist Althusser klar auf der Seite der materialistischen Philosophie, die der Praxis einen Vorrang vor der Theorie einräumt.

Althussers Argumentation wirkt einerseits schematisch, interessant wird es aber, weil er andererseits "Umwege" einbaut, die zeigen, dass die Sache mit den Gegensätzen so einfach nicht ist: Jede Praxis ist vermittelt durch Theorie, jede unserer konkreten Handlungen wurzelt in einem System allgemeiner, gesellschaftlicher Bezüge (der Sprache etwa) und ist durchsetzt mit herrschender Ideologie. Aus ihr gibt es kein Entrinnen. "In der Philosophie wie im Staat geht es um Macht ", schreibt Althusser. Es sei stets die Funktion der Philosophie, die Ideologien der jeweils herrschenden Klassen auszudrücken. Das gelte auch für die proletarische Klasse und ihre politische Ideologie – ihr einziger und wesentlicher Vorteil sei, dass sie um das Gesetz der Klassenkämpfe wisse.

Radikal und historisch teilweise überholt

Seine Überlegungen zur Ideologie und den "ideologischen Staatsapparaten" haben Althusser berühmt gemacht, und sie machen auch die "Einleitung in die Philosophie" noch lesenswert. Obwohl viele der Motive Althussers historisch überholt sind, regt das Buch in seiner politischen Radikalität dazu an, über heutige Ideologien nachzudenken. Hier ist auch vorgeformt, was sich später in den Machttheorien Michel Foucaults oder auch den Sozialanalysen Pierre Bourdieus wiederfinden wird.

Nicht zuletzt ist die Ideologietheorie auch ein querulantisches Element in Althussers Denken selbst, das den unangenehm linientreuen Ton kommunistischer Dogmatik unterspült. Insofern ist die "Einleitung" eine gute Einleitung – nicht in die Philosophie selbst, aber in einige interessante Aspekte der Ideologiekritik und in das Mirakel eines Althusser, der wie ein mittelalterlicher Gelehrter marxistische Scholastik betreibt, sie durch seine wilde Phantasie aber auch immer weiter vorantreibt.

Louis Althusser: Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen
Aus dem Französischen von Christian Leitner
Passagen-Verlag, Wien 2018
328 Seiten, 40,10 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

Preis der Leipziger BuchmesseDas ist die Shortlist
Fünfzehn verschiedene Cover sind auf einem hellorange farbenem Hintergrund aufgereiht (Verlag Walther König, Literaturverlag Droschl, Suhrkamp Verlag, Die Andere Bibliothek, Guggolz Verlag, dtv, Secession-Verlag, Rowohlt Verlag, Kiepenheuer & Witsch, S. Fischer Verlag, Deutsche Verlags-Anstalt, Matthes & Seitz Berlin, Verlag Antje Kunstmann)

Die Jury hat entschieden, welche 15 Titel ins Rennen um den Preis der Leipziger Buchmesse gehen. Bis Ende Mai steigt die Spannung. Dann werden die Gewinner in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung gekürt.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

Patrice Nganang: "Spur der Krabbe"Das Schweigen brechen
Auf orangefarbenem Pastelluntergrund ist das Cover des Buches "Spur der Krabbe" zu sehen.  (Deutschlandradio / Peter Hammer Verlag)

Ein ehemaliger Untergrundkämpfer erzählt von der Zeit nach der Unabhängigkeit Kameruns. Damals gab es einen Genozid an den Bamileke, der bis heute kaum bekannt ist. Es ist der letzte Band einer Trilogie über das Heimatland des Autors Patrice Nganang.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur