Maria-Sibylla Lotter: "Opfer"

Die Ermächtigung in der Opferrolle

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Buchcover zu Maria-Sibylla Lotter: „Opfer – Über Verwundbarkeit als Selbstbild“
© Hanser

Maria-Sibylla Lotter

Opfer – Über Verwundbarkeit als SelbstbildHanser, München 2026

288 Seiten

24,00 Euro

Von Günter Kaindlstorfer |
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Viele wollen heute Opfer sein: von Rassismus und Diskriminierung, von sozialer Ungerechtigkeit oder politischer Ausgrenzung. Die Rolle ist attraktiv geworden. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter hält diese Entwicklung für problematisch.
Achtung: Dieser Beitrag bringt Themen zur Sprache, die für manche Hörerinnen und Hörer belastend wirken könnten – setzt er sich doch mit einem Buch auseinander, das den verbreiteten Trend zur Vulnerabilität kritisch hinterfragt.
Eine Triggerwarnung, mit sanft ironischem Unterton, klar, aber gar nicht so weit von der Realität entfernt. Dass Bücher, Filme oder Theaterstücke beunruhigende oder schockierende Inhalte enthalten könnten, damit hätte man vor 30 Jahren noch Werbung gemacht. Heute warnt man davor. Die ersten Triggerwarnungen, hat Maria-Sibylla Lotter herausgefunden, tauchten Anfang der 2000er-Jahre auf feministischen Websites auf. Sie sollten Leserinnen vor beunruhigenden Themen wie sexuellen Übergriffen, Kindesmissbrauch oder Suizid warnen – in der Annahme, dass solche Hinweise das Risiko einer Retraumatisierung verringern könnten. Lotter ist da skeptisch.

Resilienz statt Retraumatisierung

„Obwohl die meisten Menschen nach traumatischen Erfahrungen keine langfristigen psychischen Veränderungen aufweisen, Resilienz also der Regelfall ist, hat sich die Vorstellung verbreitet, Menschen müssten aufgrund ihrer Fragilität in allen möglichen Kontexten vor einer möglichen Retraumatisierung geschützt werden. Und obwohl es keinerlei wissenschaftlich belastbare Hinweise darauf gibt, dass sogenannte Triggerwarnungen selbst in den seltenen Fällen, in denen eine Retraumatisierung eintritt, diese hätten verhindern können, sind entsprechende Warnhinweise in den letzten Jahrzehnten [...] Standard geworden.“
Woher kommt das? Maria-Sibylla Lotter hat festgestellt – und sie sieht das kritisch – dass psychotherapeutische Maßstäbe in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen wurden. Westliche Gesellschaften hätten die „Würdekultur“ unserer Eltern und Großeltern zu einer „Opferkultur“ gewandelt. Moralische Autorität entstünde heute zunehmend daraus, sich als verwundbar oder verletzt zu präsentieren, anstatt, wie früher, durch Selbstbeherrschung oder Autonomie.

Opfersein als Machtstrategie

Und was man nicht vergessen darf: Opfer sein verleiht einem ungeheure Macht; die Aktien angeblicher oder tatsächlicher Täter dagegen sinken in den Keller.
„Das vermeintliche Opfer erhält breite moralische Unterstützung. [...] Für den öffentlich Angeprangerten hingegen verschlechtert sich die Lage dramatisch. Er sieht sich einer ungleichen Machtverteilung gegenüber: Während das Opfer moralisches Kapital mobilisiert und breite Solidarität genießt, sinken die Chancen des Beschuldigten, sich zu entlasten, erheblich."
Parallel dazu, so Maria-Sibylla Lotter, würden emotional aufgeladene Begriffe wie „Hass“, „Diskriminierung“ oder „Trauma“ in ihrer Bedeutung immer breiter gefasst. Heute gilt vieles als „Trauma“, worüber man früher mit einem Achselzucken hinweggegangen wäre. Manche fühlen sich wegen eines ungebetenen Du-Worts traumatisiert, andere wegen eines kritischen Feedbacks in der Abteilungsleiter-Sitzung. Auch das Wort „Gewalt“ habe eine Bedeutungsausweitung erfahren, so Lotter:

Ist Nicht-Gendern schon Gewalt?

"Der Begriff ‚Gewalt‘ wurde noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem engen, klar umrissenen Sinn verstanden: als Anwendung körperlicher Kraft zur Überwindung eines Widerstands – so etwa Meyers Konversationslexikon von 1905."
Der norwegische Soziologe Johan Galtung hat das in den 60er-Jahren geändert: Er führte den Begriff „strukturelle Gewalt“ ein.  Wenn jemand nicht gendert, ist das schon Gewalt? Manche sehen es so.
Gleiches gilt für den Begriff „Mobbing“. Der stammt aus den Siebzigern und bezeichnete ein spezifisches Gewaltphänomen in Schulen und Kindergärten: die systematische, wiederholte Aggression größerer Gruppen gegen einzelne, als wehrlos wahrgenommene Kinder. Wichtig dabei: ein krasses Machtgefälle. Dagegen heute:
"Das Thema Mobbing hat längst den Bereich von Kindern und Jugendlichen überschritten. Heute können selbst unfreundliche Äußerungen eines Kollegen als Mobbing gelten – auch ohne Machtgefälle."

Plädoyer für weniger Erregung

Das alles, so Maria-Sibylla Lotter, hat gravierende Auswirkungen. Debatten werden heute emotionaler geführt als früher, ein Klima gegenseitiger moralischer Schuldzuweisung dominiert den diskursiven Raum. Die Unbefangenheit ist verloren gegangen. Jede unterstellt jedem, so scheint es, die schlimmsten Motive.
Was kann man tun, um der allgemeinen kommunikativen Verwirrung etwas entgegenzusetzen? Maria-Sibylla Lotter plädiert in ihrem ebenso klugen wie imponierend differenzierten Buch dafür, das Erregungslevel herunterzufahren. Motto: erst durchatmen, dann posten:
"Generell ist es in einer Debatte klüger, moralische Kritik sachlich oder mit einer Prise Ironie zu äußern, statt im Ton moralischer Überlegenheit oder Verachtung – weil es dem anderen den Raum lässt, sich zu bewegen, ohne sein Gesicht zu verlieren."
Ja, das wäre ein gutes Konzept. Ob es sich in absehbarer Zeit realisieren lässt? Wer sich in Social Media umtut, wird Zweifel daran anmelden dürfen.
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