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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.06.2020

Lois Hechenblaikner: "Ischgl"Champagner-Bad im Skigebiet

Lois Hechenblaikner im Gespräch mit Andrea Gerk

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Eine aufblasbare Palme, an der ein BH hängt, steht vor einem schneebedecktem Alpenpanorama. (Lois Hechenblaikner)
Hechenblaikner fotografierte Beschneiungsanlagen und Speicherseen im Bau, lichtete Après-Ski-Hütten untertags ab sowie die computergesteuerten Pump- und Ausschanksysteme für Bier, Glühwein und Schnaps in den Getränkekellern. (Lois Hechenblaikner)

Die alkohol-schweren Après-Ski-Partys sind legendär. Im österreichischen Ischgl lassen es Gäste aus dem nahen Ausland krachen. Ein Bildband des Fotografen Lois Hechenblaikner dokumentiert diese spezielle Art des Extrem-Tourismus.

Um ein Zigfaches mehr Gäste als Einwohner. Fast 1,5 Millionen Übernachtungen verzeichnet das 1600-Seelen-Dorf Ischgl im Jahr.

Seit Mitte der 1990er-Jahre steht der Ort in den österreichischen Alpen für Partytourismus im Schnee. Unter dem Slogan "Relax. If you can" vermarktet sich das Skigebiet in Tirol als Ort, an dem der Gast nur bedingt zur Ruhe kommen soll.

Zu fragwürdiger Berühmtheit gelangte Ischgl schließlich im Winter 2020, als sich das Coronavirus bei den feucht-fröhlichen Après-Ski-Partys rasant unter den Feiernden ausbreitete und diese es dann in andere europäische Länder eingeschleppten.

Aus Deutschland, Holland oder Belgien kommen die meisten Gäste, darunter viele mittelalte Männer, die im Urlaub abfeiern und saufen wollen.

Zeitchronist des Ischgl-Tourismus

So war es nicht immer. "Ich bin ja hier aufgewachsen, und ich habe das erlebt, diesen ganzen Wandel von der bäuerlichen Welt in eine massentouristische Welt", erzählt der Fotograf Lois Hechenblaikner. Er versteht sich als Zeitchronist. Seine Eltern hatten selbst einen kleinen Hotelbetrieb.

Hechenblaikner hat im Steidl Verlag einen Bildband über den Ort und sein Gewerbe herausgebracht – ein Band, der nichts beschönigt. Da posiert eine Gruppe von Männern, die als Indianer verkleidet sind. Man sieht Halbnackte im Schnee zwischen leeren Flaschen sowie Berge leerer Bierfässer und -kästen. Am Handy zeigt jemand eine Rechnung für Champagner – die liegt deutlich über 7000 Euro.

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Solche Eskapaden beruhen auf Freiwilligkeit, betont Hechenblaikner. "Après-Ski wurde einfach ein eigener Wirtschaftszweig bei uns. Es werden irre Gewinne gemacht. Das geht aber nur, wenn der Gast mitmacht. Und ich habe noch nie einen Après-Ski-Wirt erlebt, der die Gäste mit der Peitsche in die Hütte hineintreibt."

Zugleich sei Ischgl eines der besten Skigebiete der Welt: "Die Pisten sind vom Feinsten, die Technologie wie kaum woanders, weil sie ganz viel Geld investieren in neue Anlagen."

"Unheimliche Dosis an Alkohol"

Der Schnee sei ein Medium, in das man sich – wirklich im doppelten Sinn des Wortes – fallen lassen kann, meint der Fotograf. "Das heißt, die Erwachsenen werden wie Kinder, sehr infantile Muster treten da auf. Und dann gibt es natürlich diesen Beschleuniger, Alkohol, der dazukommt."

Feiernde Menschen in Ischgl, inmitten der Schneelandschaft liegen die Reste der Feier und gelbe Kartons. (Lois Hechenblaikner)Für das Buch "Ischgl" im Steidl Verlag konnte Hechenblaikner auf die Arbeit von 26 Jahren und auf 9000 Bilder über die Vergnügungsindustrie zurückgreifen. (Lois Hechenblaikner)

Mit dieser "unheimlichen Dosis an Alkohol" würden aber wohl auch Alltagssorgen und Verdrängtes "weggetrunken", meint er. Viele der Gäste seien 40, 50 Jahre alt, häufig geschieden. "Deswegen sage ich auch immer: Ischgl ist so etwas wie ein hormoneller Second-Hand-Markt."

Er selbst taucht dort mit seiner kleinen Leica M als "fotografisches U-Boot" auf, gesteht Hechenblaikner. "Das ist eine Spitzenkamera, mit der man überhaupt nicht auffällt. Die ist klein, unscheinbar, man wird eher als Amateur wahrgenommen."

Ihm sei es wichtig, diese Zeit für spätere Generationen festzuhalten. Zugleich wolle er unter die Oberfläche gucken, "weil eben die Tourismuswirtschaft dazu neigt, immer den Schleier des Erhabenen, des Schönen, des Verklärten da drüber zu legen". Als Dokumentarist in Ischgl ziehe er mit den Mitteln der Fotografie diesen Schleier immer wieder weg.

(huc)

Lois Hechenblaikner: "Ischgl"
Steidl Verlag, 240 Seiten mit 2005 Fotografien, 34 Euro

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