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Kompressor | Beitrag vom 17.09.2018

Livestreams im JournalismusViele Bilder ergeben das Gesamtbild

Marcus Engert im Gespräch mit Susanne Burg

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Buzzfeed-Redakteur im Einsatz in Köthen. (Screenshot Twitter)
Buzzfeed-Redakteur Marcus Engert berichtet per Livestream aus Köthen. (Screenshot Twitter)

Bei Demonstrationen seien Journalisten längst nicht mehr die einzigen, die filmen und streamen, betont Marcus Engert von Buzzfeed. Am Ende stehe ein Puzzle aus vielen Bildern. Der Streaming-Modus helfe ein bisschen, Fake-News-Vorwürfe zu entkräften.

Viele haben die Bewegung geradezu verinnerlicht: Sie zücken ihre Handys, wenn um sie herum etwas passiert. So auch wieder am Sonntag, als sich 1400 Menschen in der Kleinstadt Köthen versammelten zu einer rechtsgerichteten Demo und rund 850 Personen zum Protest gegen diese Kundgebung. Jenseits dieser Videos von Passanten gibt es aber auch immer mehr Journalisten, die die neuen Medien für ihre Berichterstattung, die zum Beispiel mit Periscope von Twitter live von den Geschehnissen streamen.

Buzzfeed-Redakteur Marcus Engert. (Stefan Beetz / sbeetz.com)Buzzfeed-Redakteur Marcus Engert. (Stefan Beetz / sbeetz.com)

Marcus Engert ist Redakteur bei Buzzfeed und hat auch in Köthen gefilmt und aus Köthen gestreamt. Er glaubt, dass Livestreams der Glaubwürdigkeit gut tun können, also gegen Fake News-Vorwürfe wirken können. Man habe, wenn man live vor Ort ist, nicht die Möglichkeit, etwas zu verzerren oder wegzulassen – "und das sehen natürlich auch diejenigen, die unserem Berufsstand unterstellen, das wir das tun würden."

Ein Puzzle aus vielen Streams

Er spricht angesichts der Vielzahl der Filmenden von einem Puzzle: "Wir alle spielen ein bisschen dabei mit, dass dieses Bild auf diesem Puzzle genauer, kleinteiliger wird, also die Auflösung besser."

Das Gesamtbild ergebe sich aus vielen Bildern: "Es ist tatsächlich so, dass Aktivisten, die Demonstrationsteilnehmer selbst, die Veranstaltungsanmelder, auch Alternativmedien, neurechte Medien, alle bedienen sich jetzt dieser Technik, und der eine kommentiert es so und der andere kommentiert es so."

Wichtig sei eben, sich dessen bewusst zu sein. "Man darf halt nur nicht dem Trugschluss aufsitzen, dass man in dem Moment, wo man einen Livestream startet, dann ein komplettes, reales, vollständiges und einhundert Prozent zutreffendes Abbild der Realität bekommt", sagt Engert. "Genau das passiert eben nicht, auch wenn diese Darstellungsform das natürlich oft suggeriert."  

Erwartungshaltung der Nutzer

Durch das Filmen und Streamen steige auch die Erwartungshaltung bei den Nutzern. Es werde fast schon erwartet, dass man alles im Bild zeigen könne, was man sage oder schreibe. Engert berichtet von den Reaktionen, als er vergangene Woche in eine kleine Rangelei geraten sei, wo ihm das T-Shirt zerrissen wurde: Nutzer auf Twitter hätten mehrere hundert Mal geschrieben: "Wieso habt ihr das nicht gefilmt, ihr filmt doch sonst immer alles." 
"Die Leute haben mit der Zeit eine gewisse Erwartungshaltung und es gehört zu unserem Beruf, dass wir damit umgehen müssen und transparent erklären müssen, warum das jetzt vielleicht mal nicht geklappt hat. Und warum wir als Journalisten auswählen und selektieren und wahrhaftig berichten, und dass wahrhaftig aber nicht bedeutet, dass wir hundert Prozent abbilden können."
Engert hat sich entschieden, kürzere Stücke zu senden, obwohl er mit Buzzfeed auch in der Lage sei, sofort lange Strecken live zu streamen. Er verweist auf die hohe journalistische Verantwortung, die man habe. "Wir haben das Gefühl, dass wir in dem Moment, wo wir live drauf sind, uns sehr viel mehr überlegen müssen, was wir jetzt wie formulieren, was wir wie sagen, was wir wie einorden, was wir vielleicht auch wie framen", sagt Engert.
Schließlich seien hunderte oder gar tausende auf dem Stream, für deren Wahrnehmung man verantwortlich sei. So bald man live drauf sei, habe man aber nicht mehr die Chance, die Dinge nochmal mit Abstand zu betrachten und zu analysieren und eine Haltung dazu zu entwickeln. Die Livestream-Form sei so anspruchsvoll in der Vielzahl der parallelen Tätigkeiten, so dass sie immer auch die Gefahr einer Überforderung berge. 
(mf)
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