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Lesart | Beitrag vom 06.03.2018

Liv Strömquist: "Der Ursprung der Liebe"Auf dem Markplatz der Herzen

Von Susanne Billig

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Buchcover Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe (avant Verlag /  Stéphane Delval)
Noch umturteln sie sich, doch ist die große Liebe vorbei, kann der Abstand plötzlich nicht groß genug sein. (avant Verlag / Stéphane Delval)

Ist die Liebe frisch, kann die Nähe nicht groß genug sein. Verblasst sie, wollen die ehemals Liebenden nur noch größtmögliche Distanz. In ihrem neuen Comic geht Liv Strömquist auf die Suche nach dem "Ursprung der Liebe" - amüsant, bissig und berührend.

Liebe ist das Erschaffen des Menschen durch den Menschen, für Frauen wie Männer von existenzieller Bedeutung. Also lächelt sie ihn an und flüstert: "Ich sehe dich. Ich liebe dich." Er starrt finster auf einen Bildschirm und brummt: "Ich spiele ein Strategiespiel auf meinem Computer."

In ihrem neuen Comic "Der Ursprung der Liebe" rührt die schwedische Comic-Künstlerin Liv Strömquist im großen Topf der Liebe und fischt Brocken heraus, die für Romantiker egal welchen Geschlechts schwer zu schlucken sind. Eine Tour de Force durch die Geschlechterverhältnisse ist ihr Buch, die im Titel "Liebe" tragen und in der Realität getränkt sind von Distanz, Missverständnissen, Machtgehabe und gegenseitiger Verachtung. Um das deutlich zu machen, lässt Liv Strömquist in einem fulminanten Comic-Auftakt vier der bekanntesten Comedians der USA auftreten. Tim Allen, Jerry Seinfeld, Ray Romano und Charlie Sheen verdienen seit Jahren Millionen daran, ihr Publikum mit dem immer gleichen Witz zu entzücken. Der lautet in Varianten: "Meine Frau will, dass wir reden, bevor wir Sex haben. Warum können wir nicht einfach nur Sex haben, hö, hö, hö, hö, hö?!"

Zwischen ewiger Treue und Trennung

Warum verzehren sich Frauen nach Zuwendung von Männern, die sie am langen Arm demonstrativer Kühle verhungern lassen? Warum blühen Frauen nach der Scheidung auf, während dieselben Männer, die sich über das gefühlsduselige Gequake ihrer Gattin jahrelang nur mokieren konnten, hö, hö, hö, vereinsamt aus dem Leben fallen? Warum stehen Zweierbeziehungen heute so massiv unter dem Stern exklusiver sexueller Treue? Warum können Menschen einander als Liebespartner nicht nah genug, nach einer Trennung aber sofort und für immer nicht fern genug sein?

Um solche Fragen zu untersuchen, taucht die Autorin in die Geschichte der heterosexuellen Beziehung ein und serviert ihrem Publikum spannende Theorien aus der Geschlechterforschung. Zum Beispiel: Das Gefühl der Liebe ist ein Artefakt – des kapitalistischen Marktes, auf dem Zweierbeziehungen heute gehandelt, gekauft und wieder verhökert werden. Weil der Handel der Ware existenzielle Zuwendung psychisch so heikel ist, überschattet von tausend Ängsten um den Wert, die Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit der eigenen Person, produzieren die Marktteilnehmer überschäumende Empfindungen, um den anderen möglichst intensiv an sich zu binden.

Ein genialer Comic

Solche Theorie-Highlights setzt das Buch in rasant-kontrastreichen, schwarzweißen Bildergeschichten teils witzig und bissig, teils berührend gefühlvoll in Szene, in denen neben Mainstream-Adam und -Eva viele Celebrities auftreten, von Nancy und Ronald Reagan über Prince Charles und Diana bis zu der unglücklichen Whitney Houston und der vor lauter Liebestollheit halb verrückt gewordenen Britney Spears.

Liv Strömquists genialer neuer Comic ist für Menschen, die begreifen möchten, wer sich da auf dem Schauplatz ihres Herzens alles ein Auftrittsrecht herausnimmt – und wie man diesen Schauplatz vielleicht wieder zurückerobern könnte. Denn auch dazu hat die Autorin am Ende eine großartige Idee.

Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe
Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben
avant Verlag, Berlin 2018
136 Seiten, 20 Euro

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