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Interview | Beitrag vom 24.06.2020

Literaturwissenschaftler über das KitzelnAuf den Spuren eines besonders intensiven Gefühls

Christian Metz im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Vater spielt mit Mädchen im Kleinkindalter. Das Kind lacht. (picture alliance / Bildagentur-online / Tetra-Images / Jessica Peterson)
Von Mama oder Papa liebevoll durchgekitzelt zu werden, ist für die meisten Kinder ein großer Spaß. (picture alliance / Bildagentur-online / Tetra-Images / Jessica Peterson)

Die Haut ist unser größtes Organ und reagiert empfindlich darauf, wenn sie kitzelig berührt wird. Der Literaturwissenschaftler Christian Metz hat ein Buch darüber geschrieben - und geht der Bedeutung des Kitzelns im Wandel der Zeit nach.

Kitzeln ist nicht gleich Kitzeln: Es gibt den harten Lachkitzler, den sanften Kitzler oder den sexuellen Kitzel. Auf jeden Fall ist der Kitzel eine der frühesten Empfindungen, die wir Menschen haben. Werden wir gekitzelt, verursacht das Lust und Schmerz zugleich.

Die Illustration zeigt eine freche Maus, die einen weißen Hund spielerisch mit einem Strohhalm an der Nase kitzelt.  (Illustration von F. E. Morgan auf einer Raphael Tuck 'Oilette'-O`Postkarte. | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (picture alliance / Mary Evans / Grenville Collins P)Kitzeln ist oft vor allem für den lustig, der andere damit ein bisschen piesacken will. (picture alliance / Mary Evans / Grenville Collins P)

Schon die alten Meister ließen auf ihren mittelalterlichen Gemälden Madonna das Jesuskind kitzeln. Vermutlich, um Jesus in seinem Menschsein zu versinnbildlichen. Vielleicht könne das aber auch "als eine erste didaktische Anleitung, wie man sein Kind streichelt", betrachtet werden, sagt der Literaturwissenschaftler Christian Metz, der in seinem Buch "Kitzel - Genealogie einer menschlichen Empfindung" dem Phänomen nachgegangen ist.

Wer kitzelig ist, findet es eher furchtbar

Mit Kitzeln verbinden viele Menschen etwas Lustiges, Positives. Doch wer extrem kitzelig ist, findet es vermutlich eher furchtbar. Schon Aristoteles, sagt Metz, habe sich mit dem Kitzeln beschäftigt – er ordnete die Kitzeligkeit aber vor allem den Männern zu, da diese aus seiner Sicht "wärmer" als Frauen waren:

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"Weil Aristoteles sich Kitzeln als einen reinen Wärmetransfer vorstellt. Über die Berührung der Haut entsteht Wärme. Die wird weitergeleitet zum Zwerchfell. Das beginnt zu schwingen. Und man weiß nicht, wohin mit der Luft im Inneren, die Wärme muss raus. Dadurch auch die Schnappatmung, die beim Kitzeln entsteht."

Porträt von Christian Metz. (S. Fischer Verlag / Markus Kirchgessner)Christian Metz ist der Kulturgeschichte des Kitzelns nachgegangen. (S. Fischer Verlag / Markus Kirchgessner)

Durch die Jahrhunderte sei Kitzeln auch als Waffe und Foltermethode eingesetzt worden, erläutert Metz. Dies finde sich auch in der Literatur wieder. Bestes Beispiel: der "Simplicissimus" von Grimmelshausen, der während des Dreißigjährigen Kriegs angesiedelt ist. Der Vater des Helden wird von Soldaten einer Kitzelfolter unterzogen, um ihn zu zwingen, Informationen preiszugeben.

(mkn)

Christian Metz: "Kitzel - Genealogie einer menschlichen Empfindung"
S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main 2020
640 Seiten, 32 Euro

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